Brauchen wir noch eine Didaktik? Gespräch mit Martin Lindner

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Immer wieder werde ich meinen Projekten gefragt, wo denn hier die Didaktik verborgen sei. Ich finde sie überholt. Und habe mit Martin Lindner einen guten Mitstreiter gefunden, um das Thema zu diskutieren. Wir hatten im Background in einem Etherpad unsere Gedanken ausgetauscht und daraus dieses Interview abgeleitet, das dann in natura doch anders verlief 😉 

Ein paar Fragen an Martin Lindner 

acw: “Eine andere Bildung ist möglich” postulieren wir bei ununi.TV – und wenden uns damit bewusst von dem klassischen Bildungsverständnis “Bildung = Wissensvermittlung = didaktische Aufbereitung” ab. Auch du äußerst häufiger dein Unbehagen gegenüber didaktischen Modellen. Worin liegt das begründet?
ML: Ich frage mich, ob es den Begriff und das Konzept “Didaktik” überhaupt noch braucht. Im alten System ist “Didaktik” (und Pädagogik) ein Kernbegriff des Lehrens/Lernens. M.E. ist das aber nur ein Wort für alle Notlösungen, die es (vielleicht) brauchte, weil es gar keine Umgebungen und Settings gab, um authentische Lernsituationen herzustellen. Es war Ersatz und Simulation von Authentizität und Offenheit. Das hat sich mit den digitale Netz-Medien (potenziell) geändert.
acw: Du fragst auf Twitter und G+, warum es auf einmal soviel Kritik am bestehenden Bildungssystem gibt. Siehst du einen Zusammenhang zum Versagen der Didaktik?
ML: Ich glaube, dass die Didaktik heute nicht mehr versagt als früher. Es ist nur viel klarer, das sie nicht (mehr) genügt. Das hat auch damit zu tun, dass die Verkindlichung & Bevormundung aller Lernenden (auch der Erwachsenen!) in eine Gesellschaft gehört, die eben auf bevormundende, aber auch schützende Autoritäten (Personen wie Institutionen) aufgebaut war. Deswegen wünschen sich ja auch viele Bildungssystem-Kritiker eine Rückkehr aus der ungemütlichen Selbstverantwortung. (Sogar die reformpädagogische Didaktik ist ja, aller Freiheitsrhetorik zum Trotz, paternalistisch.)

acw: Wir haben uns im Hintergrund bereits etwas ausgetauscht zu diesem Thema. Wenn wir das bestehende Bildungssystem als Stufenmodell des 20. Jahrhunderts im Industrie-Zeitalter verstehen, in der Didaktik die Aufgabe zukommt, maximal vielen Menschen das Erklimmen weiterer Stufen zu ermöglichen [wir wissen, da spielen verschiedene andere Faktoren rein, die gegen den Erfolg sprechen, aber lass uns idealtypisch argumentieren]: Kann das im 21. Jahrhundert der Netzwerkgesellschaft noch funktionieren? Oder müssen wir nicht vielmehr vernetzte Strukturen aufbauen, in denen sich Menschen wechselseitig und selbstbestimmt organisieren und austauschen, weil sie eben keine genormte Lebensläufe mehr durchlaufen? 

ML: Das hat sich ja sogar innerhalb des bestehenden Modells so entwickelt: In Bayern gibt es glaube ich 13 Wege zum Abitur, die alten Studienfächer sind in zig Studiengänge zerfallen, es gibt alle Arten von Kombinationen und Übergängen. Nur eben immer als Flickschusterei in einem alten System, das ja nicht zurückgebaut wird, sondern immer mehr Lebenszeit, immer mehr Energie der Lernenden und nebenbei auch immer mehr Geld ansaugt. Das alte Stufensystem wurde eigentlich für die öffentliche Verwaltung erfunden, die praktische Wirtschaft hatte schon immer eigene Strukturen daneben. Das Paradox: Derzeit werden immer mehr Berufsbilder akademisiert,  weil sie Wissensarbeit-Charakter bekommeen (wie Krankenpflege),während eigentlich allen klar ist, dass eben offenes, selbstverantwortetes, vernetztes Lernen eine Schlüsselkompetenz ist.

acw: Ich höre jetzt bereits viele Pädagog/innen aufbrausen, die unseren Ansatz als Elitenmodell abtun werden. Welche Unterstützungsleistungen fallen uns ein, um Schwächere mitzunehmen (und ich gehe jetzt davon aus, dass wir alle in dem ein-oder-anderen Themenfeld mal zu den Schwächeren und mal zu den Stärkeren zählen). Fällt uns da irgend etwas anderes ein als didaktische Methoden?
ML: Wenn wir Förderung von Schwachen “Didaktik” nennen, dann darf es sie von mir aus geben. Nur müssen auch die Schwachen “stark gemacht” werden. Auch sie (und gerade sie) müssen als “Selbstlerner” angesprochen werden, die dann eben Hilfestellung brauchen, suchen und bekommen. Das ist eine Umpolung. Ich würde es nicht mehr “Didaktik” nennen, weil ich auch hier keine künstlichen Lern-Settings haben möchte, die unterschwellig sagen: Der richtige Stoff ist zu schwer für dich, deswegen haben wir das für dich in einen künsltichen Parcours mit Wir-tun-so-als-ob-Aufgaben eingeteilt. Anstatt wie Sugata Mitra mit den “großen Fragen” (und Problemen) zu beginnen, und dann gemeinsam sehen, wie man sie Stück für Stück (und das können kleine Stücke sein) bewältigen kann. 

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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