Wissensarbeiter_innen sind sensible, anspruchsvolle Wesen

“Weniger arbeiten, mehr leben: Die sogenannten ‘Wissensarbeiter’ haben ganz eigene Ansprüche – sie würden für bessere Arbeitsatmosphäre und Selbstbestimmung sogar auf Gehalt verzichten.”

So das zentrale Ergebnis der Arbeitnehmer-Studie von XING und Statista “Kompass Neue Arbeitswelt” von Ende April 2015.

Das für mich persönlich interessanteste Ergebnis der Studie:

Die unterschiedlich gewichteten, offiziellen Presse-Verlautbarungen vor und nach der Veröffentlichung der Studie.

Presse-Erklärung Nr. 1

Erschienen am 20. April 2015, gab es eine erste Presse-Erklärung mit ersten Ergebnissen als Ankündigung auf die Veröffentlichung der gesamten Studie. Ich zitiere hier einige Passagen:


Die ersten Ergebnisse der Studie zeigen: In vielen Unternehmen sind die Ideale des ‚New Work‘ – zum Beispiel Vereinbarkeit von Familie und Beruf, demokratische Strukturen statt starrer Hierarchien sowie Führung nach Ergebnissen statt Arbeitszeit – noch nicht angekommen.

Viele Experten sind sich einig: Die Arbeitswelt durchläuft einen radikalen Veränderungsprozess. Doch wie beurteilen ihn diejenigen, die unmittelbar betroffen sind – die Arbeitnehmer in Deutschland?

Jeder Dritte (34 Prozent) begrüßt die Veränderungen des eigenen Berufsbildes. Weitere 37 Prozent stehen den erwarteten Veränderungen gelassen gegenüber. Lediglich knapp 12 Prozent geben an, besorgt zu sein.Gar keine Veränderung erwarten immerhin 17 Prozent der Befragten.

Beim Thema Flexibilität klaffen Wunsch und Wirklichkeit stark auseinander.

Fast die Hälfte der Arbeitnehmer (45 Prozent) gibt an, dass der Arbeitgeber zeitliche Flexibilität auch über die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus erwartet. Umgekehrt ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild: Jeder zweite Arbeitnehmer (52 Prozent) gibt an, dass er seine tägliche Arbeitszeit nicht frei gestalten kann, wenn er nur seine Wochenarbeitszeit erfüllt.

Jeder Vierte (26 Prozent) sagt sogar, dass der Arbeitgeber keine Freiheit einräumt, auf private Umstände schnell und flexibel zu reagieren.

Die deutsche Arbeitswelt zeichnet sich in weiten Teilen durch eine Struktur aus, die durch hierarchisches Denken geprägt ist. So sagt deutlich mehr als die Hälfte der Befragten (66 Prozent), dass der offizielle Weg zwingend eingehalten werden muss und allenfalls bei Kleinigkeiten schon mal eine Ausnahme gemacht wird.

Folglich wünschen sich 46 Prozent der Arbeitnehmer, dass es mehr Zusammenarbeit über Hierarchiewege und Abteilungsgrenzen hinweg gibt. Allerdings sagen ebenfalls 50 Prozent, dass die Prozesse der Zusammenarbeit so bleiben sollen, wie sie sind.


Presse-Erklärung Nr. 2

Versuchte man in der ersten Verlautbarung den Veränderungswunsch der Arbeitnehmer_innen stärker zum Ausdruck zu bringen, verschiebt sich in der offiziellen Vorstellung der zentralen Erkenntnisse vom 28. April 2015 die Konnotation. Hier sind die Aussagen deutlich nüchterner formuliert.

Getreu dem Motto: Die Arbeitnehmer_innen sind an sich recht zufrieden mit der Situation, aber einiges könnte besser werden – v.a. für die anspruchsvolleren Wissensarbeiter _innen.

Das sieht in der visualisierten Übersicht wie folgt aus:

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Meine investigative Interpretation

In der ersten Presseverlautbarung rechneten die Studien-Entwickler noch mit einem größeren Veränderungswillen der Arbeitnehmer_innen, der aber so gar nicht gegeben ist.

An sich wollen alle weiterhin schön in Ruhe und Sicherheit arbeiten, ein klein wenig mehr Selbstbestimmung und fairere Arbeitsbedingungen. Fertig ist die Kiste.

Im Grunde wären die Ergebnisse vor 20 Jahren wohl kaum anders ausgefallen?! Vielleicht in Nuancen anders, da sich bei den Wissensarbeiter_innen offensichtlich etwas tut. Auf diese Nuancen sollten wir also zukünftig achten.


Auszug aus The NeWoS vom 26. Mai 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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