Wissen ist tot – lang lebe der Wissensvorsprung

Das aktuelle Wissen eines Wissensarbeiters hat eine sehr begrenzte Halbwertzeit. Dies hat sich rumgesprochen.

Es liegt in der vernetzten Dynamik unserer digitalen Kultur begründet. Und in den sich beschleunigenden Innovationsprozessen einer globalisierten Welt.

In der Konsequenz wird beständiges Upgrading des individuellen wie kollektiven Wissensstandes zum Dauerzustand unseres modernen Lebenswandels. “Wissenstransfer ist sooo wichtig”, so schallt es häufig über die Flure.

Derweil: Mit “Transfer” ist es nicht getan. Wer will sich noch anmaßen, einen wahrhaft fortschrittlichen Wissensstand vorzuhalten? Den man lediglich zu transferieren habe?!

Transformation ist angesagt. Kollaborative Transformation der vorhandenen Wissensbestände, ggf. ergänzt um punktuelle Inspirationen externer Expert/innen.

Formale Weiterbildung als state-of-the-art

Jetzt mal alle in die Weiterbildung, ruft der sich als weise behauptene Chef. Und manchmal freut es ihn, wenn dynamische Kolleg/innen noch ihren Bildungsurlaub lautstark in Anspruch nehmen und sich eine gesponserte Abwechslung in einer Weiterbildung gönnen.

Diese beiden Formen der klassischen Weiterbildung laufen schnurstracks in Richtung Frontal-Unterricht. Vorne Wissensvermittlung – hinten Wissenskonsum. (Strike. Gehen wir einen trinken?)

Heraus kommen, mit viel Glück, ein paar neue alte Wissensarbeiter mit etwas aktuellerem Wissensstand. So weit, so gut.

Kampf der Online-Kurse

Nun nimmt die Entwicklung keine Rücksicht darauf, ob die offiziellen Weiterbildungsroutinen nur 6 bezahlte Tage pro Jahr vorsehen zum Upgraden.

Die Uhr läuft – und mit ihr die Anzahl an Absolvent/innen diverser Online-Kurse, die auf Selbstmotivation setzen und neue Wissensarbeiter mit fundiert neuer Projekt-Erfahrung entlassen. Immerfort. Rund um’s Jahr. Nicht immer mit Erfahrung. Aber gut gemeint. Anyway.

Was ihnen allemal fehlt, ist sehr konkrete Alltagspraxis. Puh, Glück gehabt, sagt der traditionelle Wissensarbeiter.

Aber: Auf den gewonnenen Einsichten der modernen Wissensarbeiter lässt sich aufbauen und neue berufliche Laufbahnen anstreben. Pech gehabt, sagt also der strebsame Lernende. Und hofft.

Informeller Faktencheck

Derweil versucht der alte neue Wissensarbeiter vor Ort über kurzfristige Zurufe in der Teeküche oder am Telefon sich das Knowhow drauf zu schaffen, das ihn ein aktuelles Problem “mal schnell” lösen lässt.

Das macht grossen Spass, wenn’s denn problemlos klappt und man schnell jemand Kompetentes findet. Falls nicht? Dann ist Eigeninitiative gefragt – und man kann nur auf gute SEOs der Anbieter/innen hoffen, die die gesuchten Stichwörter des Wissensarbeiters erahnten…

Soweit kennt das wohl jede/r.

Jetzt aber kommen “auf einmal” diese ganzen sozialen Netzwerke hinzu. Die es Netzkompetenten erlauben, eine sehr persönliche Arbeitsumgebung sich für den informellen Genuss aufzubauen – über die diese by the way vieles mitbekommen – und einfach so lernen. Ohne es zu merken.

Diese sozial degenerierten Menschen, die kaum mehr telefonieren mögen, graden sich einfach up, ohne Bildungsurlaub in Anspruch zu nehmen. Oder auf die Weisheit des Einzelnen zu hoffen. Sie befinden sich idealer Weise im Flow – und fordern sich selbst immer wieder neu heraus.

Und im Zweifel befragen sie einfach ihr Netzwerk. Das weniger auf Bruderkuss, denn auf aktuelle Kompetenz ausgelegt ist. Frechheit!

Dazu wird ihre Arbeitsorganisation beständig perfektioniert – böse Stimme sagen dazu auch Selbstoptimierung. Aber diese negativ mitschwingende Konnotation müsste auch viel differenzierter betrachtet werden. Ein anderes Mal …

Mein Fazit für Klein-Unternehmen:

Da spontanes, mitunter äußerst spezialisiertes Wissen auf Knopfdruck vermutlich einen immer größeren Raum einnehmen wird im Wettlauf der Wissensbestände, empfehle ich folgendes:

Wichtig ist nicht der Wettbewerb der internen und externen Belegschaft miteinander. Wichtig ist ein Mindset, das offen ist für transformative Veränderungen. Und eine entsprechende Infrastruktur vorsieht.

Das ist leichter gesagt, denn initiiert – das ist bekannt.

Aber bei der Auswahl neuer Team-Mitglieder können mitunter intrinsisch motivierte Mitarbeiter/innen mit einem guten Netzwerk einen entscheidenden Vorteil für das Unternehmen bringen. Dies sollte man sich vergegenwärtigen bei der Einstellungspraxis.


Auszug aus The NeWoS vom 24. Februar 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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