Wie wollen wir eigentlich leben 4.0?

“Arbeit 4.0 darf Industrie 4.0 nicht nur flankieren. Arbeit 4.0 muss antizipieren und definieren, um den Kern der Sozialen Marktwirtschaft zu erhalten. Dafür brauchen wir nicht nur eine Agenda für die Industrie 4.0, sondern eine Agenda für Arbeit 4.0 und für Bildung 4.0.”

So argumentierten Antje Draheim und Andreas Crimmann in ihrem Carta-Beitrag – und warnten vor einem Sozial-Darwinismus angesichts des Wettrennens mit den Maschinen. Ich kommentierte dies:

Ein sozialdarwinistisches Wettrennen zwischen Mensch und Maschine geht m.E. von einer linearen Fortführung des bestehenden Arbeitsmarktes aus.

Ich möchte dem gerne meine Sichtweise entgegen stellen, nicht um zu dramatisieren, sondern um das wirkliche Ausmass des Changes zu verdeutlichen – und auf die Möglichkeiten eines modernen Bildungssystems ansatzweise hinzudeuten.

In Anlehnung an Castells und den Zahlen des World Economic Forum lässt sich unser Arbeitsmarkt hier in den hoch entwickelten, kapitalistischen Ländern derzeit in 3 Segmente grob unterteilen (vgl. hier meinen Aufsatz) :

  1. 30% wahrhaft kreative Innovatoren und Fühungspersonen, um unsere hoch entwickelte Gesellschaft im bestehenden System weiter “wachsen” zu lassen (mehr braucht es dazu auch nicht);
  2. 50% Menschen, die an ihrer Person haftende Fähigkeiten besitzen, um diese Innovationen in den Markt zu schieben und am Markt zu halten;
  3. 20% einfache Tätigkeiten, die von Menschen mit einfach erlernbaren Fähigkeiten betrieben werden können.

In Zukunft können die Maschinen nach und nach die Tätigkeiten der Segmente 2. und 3. übernehmen. Einzelne Personen aus diesen Segmenten werden vielleicht noch an der ein oder anderen Position benötigt. Der Rest wird langsam abgelöst. Dies erst einmal als nüchternes Faktum, was für sich genommen nicht weiter dramatisch ist.

Dramatisch wird es erst an der Stelle, wenn wir weiterhin von einem Normal-Arbeitsverhältnis ausgehen bzw. einem Gesellschaftssystem, das die angestellte Arbeit zum zentralen Treiber unseres gesellschaftlichen “Wachstums” ernennt.

Unter diesen Umständen fördert ein wie auch immer reformiertes Bildungssystem lediglich den Selektionsprozess der 30% Menschen, die kreative Innovationen mit entwickeln helfen. Vielleicht sind es irgendwann auch 40% – aber eben nicht die Mehrheit. Das wäre und ist der alltägliche Sozialdarwinismus, den wir heute bereits leben.

Insofern muss aus meiner Sicht keine zwangsläufig politisch kompromisshafte Agenda für eine “Bildung 4.0″ entwickelt werden, sondern eine offene Agenda für eine “Zukunft 4.0″, die wir auch “Leben 4.0″ nennen können.

Davon leitet sich dann ab, wie wir die Produktivitätsgewinne durch die Maschinenparks zugunsten der gesamten Bevölkerung nutzen. Statt nur die Gewinne einer mächtigen Elite und einer tradierten Erbengesellschaft zugute kommen zu lassen.

Da helfen keine iPad-Klassen, OERs, MOOCs oder informelle Module. Das ist alles Firlefanz angesichts der notwendigen Transformation unseres Gesellschaftssystems. (Sorry for that!)

Es verändert nämlich so gut wie NICHTS an unserer Ausrichtung, auch wenn es übergangsweise vielleicht nichts schadet. Aber angesichts der Energie, die da tagtäglich reinfliesst, könnten wir für einen Moment einmal innehalten und überlegen, wohin wir tatsächlich gehen wollen.


NACHTRAG

Oder wollen wir das komplett den Cloud-Anbietern überlassen, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln, wie hier in der Studie zur Information Generation? (Die Studie ist gar nicht so verkehrt, aber sind dies die wichtigsten zu lösenden Probleme?)


Wie vorgehen?

Für eine gesamtgesellschaftliche Vision braucht es allerdings mehr als einzelne Gremien, sondern es braucht einen breiten, vielfältigen, interdisziplinären DISKURS.

Nicht einmalig auf einer Konferenz oder einem Barcamp, sondern die gesamte Palette moderner Diskursformate rauf und runter nutzend. Quer durch die Fachbereiche, quer zu den bestehenden Eitelkeiten und quer zu den bisherigen Überzeugungen.

Es geht nicht darum, irgendwen von seiner Weltsicht zu überzeugen, sondern GEMEINSAM das Bestehende zu TRANSFORMIEREN.

Und während manche vor dieser radikalen Konsequenz im Bildungssystem noch zurückschrecken, hoffe ich, es entstehen gleichzeitig an der Basis noch viel mehr, mannigfache, wirklich kreative Blüten, wie wir es aktuell erleben.

Wir müssen immer mehr experimentelle Zwischenlösungen zu entwickeln und gemeinsame Schnittstellen zu leben. Darüber habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben.


Auszug aus The NeWoS vom 19. Mai 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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