Wie man zielsicher kreatives Potenzial vernichtet

Immer öfter höre ich von Menschen, die in kleinen und mittelgroßen Unternehmen oder im öffentlichen Dienst arbeiten, dass der Arbeitsalltag nicht den Möglichkeiten einer modernen Arbeitswelt entspricht.

Und von Freiberuflern und Klein(st)-Unternehmen höre ich, dass sich die Zusammenarbeit mit Auftraggebern oftmals wenig agil und bis auf E-Mails ohne jegliche Online-Kollaboration gestaltet.

Dies verwundert umso mehr, da es sich bei diesen Menschen und Unternehmen um Akteure handelt, die oftmals im Bereich digitaler Medien aktiv sind.

Wie also sieht der Arbeitsalltag bei diesen Menschen aus?

Schon der Start in den Arbeitstag gestaltet sich traditionell altbacken:

Jeden Tag Anreise zum Arbeitsplatz mit Auto oder U-Bahn. Home Office wird in Deutschland nicht gerne gesehen und ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, wie eine BITKOM-Studie aus dem Jahre 2013 belegt (PDF).

4b0855d8-79c9-412a-8058-fd622d2ca644

Geschäftstreffen finden weiterhin bevorzugt in Präsenz statt, Online-Meetings mit Videokonferenzen zwar gerne gepriesen, finden aber im eigenen Arbeitsalltag keine Anwendung. (Hier ein aktueller Artikel von t3n zum Thema.)

Verschleuderte Zeit

Also U-Bahn. Quer durch die Stadt. In Großstädten kann dies gut und gerne bis zu einer Stunde dauern. Einfache Fahrt! Ohne Datenanbindung.

Macht bis zu 40 Stunden unproduktive Fahrtzeit PRO MONAT bei einer 5-Tages-Arbeitswoche.

Also sozusagen eine komplette zusätzliche Arbeitswoche, in der man maximal Bücher lesen kann oder vorab Videos sich downloaden muss. Aber nicht auf die wichtigen informellen Nachrichten in den sozialen Netzwerken zugreifen kann.

Für Klein(st)-Unternehmen bedeutet dies auch: Die Flexibilität ist unterbunden. Mobiles (Weiter-)Arbeiten an Projekten ist in dieser Zeit nicht möglich!

Selbst der Kauf eines brandaktuellen Smartphones oder Tablets mit LTE-Vertrag, in der Hoffnung, damit das Problem zu lösen. Pustekuchen. Keine Verbesserung in Sicht.

Fehlende Kompetenz

In meiner Diss hatte ich damals versucht darauf hinzuweisen, dass es neben einer persönlichen NETZ-Kompetenz einer strukturellen NETZWERK-Kompetenz bedarf, um die Potenziale der Netzwerkgesellschaft gesamtgesellschaftlich zu heben.

Damit sind die Rahmenbedingungen gemeint, die man bräuchte, um bereits vorhandene, individuelle Kompetenzen zur Entfaltung zu bringen.

Digitale Bildung wird in Deutschland aber leider fast ausschliesslich mit Blick auf die digitale Medienkompetenz von Schüler/innen diskutiert. Die es an sich aber am wenigsten benötigten.

Vielmehr haben wir ein massives strukturelles Problem hier in diesen Landen. Es gibt haufenweise Leute mit geballter, individueller Netzkompetenz, das sie sich informell drauf geschafft haben und die behindert werden, ihr Potenzial zu entfalten.

Falsche Strukturen

Weil die Strukturen altbacken sind: keine Datenanbindung, wenig flexible Arbeitsbedingungen, jede Menge zeitfressender Bullshit-Jobs, fehlendes Vertrauen aufgrund fehlender Zielvereinbarungen usw. usf. – DAS ist das Problem unserer Zeit!

Ich habe mir vor ein paar Tagen den Arte-Film zu Mein wunderbarer Atbeitsplatz angeschaut: Nur 11% der Arbeitnehmer/innen geht demnach begeistert zur Arbeit. Und das liegt massgeblich an den Arbeitsbedingungen.

Zum Glück haben sich europaweit einige Firmen auf den Weg gemacht, hier mit flacheren Hierarchien, vertrauensvolleren Umgebungen, flexibleren Arbeitsumgebungen usw. einen Weg aus der Krise zu finden. Das ist ermutigend und gibt Hoffnung.

Vernichtete Kreativität

Aber auch dies müsste stärker begleitet werden von infrastrukturellen Massnahmen. Es ist völlig irrsinnig, wieviel potenziell produktive Zeit Tag für Tag in den U-Bahnschächten z.B. hier in Berlin verloren geht.

Vielleicht verhält es sich in anderen Großstädten anders. Aber wenn ich mir das kreative Potenzial dieser Stadt hier imaginiere und gleichzeitig die zeitfressenden Bedingungen….

Gut, jetzt werden manche alten Gemüter sagen:

“Es ist auch gut, wenn der Geist mal zur Ruhe kommt.”

Mag ja sein. Aber das hat niemand paternalistisch für mich zu entscheiden, sondern ausschliesslich ich selbst.

Das gehört zu meiner persönlichen Netzkompetenz, wann ich für wen erreichbar bin. Und da bin ich sehr eigen …


Auszug aus The NeWoS vom 5. Mai 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

newos_logo

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Schreibe einen Kommentar

Bitte nutze deinen richtigen Namen.