Was bedeutet eigentlich Kollaboration als Kompetenz?

Alle reden von kollaborativen Arbeitstechniken. Aber was bedeutet das? Wie äußert es sich im konkreten Berufsalltag? Und was braucht es dazu? Ich habe mich einmal umgeschaut.

Allgemeine Definitionen

Die beste Beschreibung, die ich im Netz fand, stammt von Carlos Dominguez im Cisco-Blog (von mir sehr grob übersetzt):

"Kollaboration bedeutet, in stark diversifizierten Teams zusammenzuarbeiten, die sowohl innerhalb wie außerhalb eines Unternehmens mit dem Ziel unterwegs sind, eine Wertschöpfung über die Verbesserung von Innovation, Kundenbeziehungen und Effizienz zu schaffen, indem sie Technologien nutzen, die eine effektive Interaktion im virtuellen und physischen Raum ermöglichen."

Hier im Original:

“Collaboration is highly diversified teams working together inside and outside a company with the purpose to create value by improving innovation, customer relationships and efficiency while leveraging technology for effective interactions in the virtual and physical space.”


Das ist eine klare Beschreibung aus Sicht des Unternehmens, die meines Erachtens auf das Wesentliche verweist:

Die Transformation des Bestehenden - und damit neue Werte schaffend.

Und DAS ist das sehr Neue, was alle bisherigen Strukturen vor zentrale Herausforderungen stellt. Denn dieses transformative Moment als das Besondere zu erkennen und anzustreben, IST bereits der erste Schritt ins Neue.

Was ist das Besondere heute?

Wie erkennt man das Besondere der modernen, kollaborativen Kompetenz? Ich habe einen guten Erklärungsansatz gefunden, damit nicht das geschieht:

"Wenn du Kollaboration sagst, denkt der Durchschnitt der 45-Jährigen, sie wüssten, worüber du gerade sprichst: Teams setzen sich hin, haben eine nette Unterhaltung mit netten Zielen und einer netten Haltung."
(Eric Schmidt)

Ihr ahnt: Es ist weit mehr!

In den vielen Kommentaren auf den Cisco-Blog-Artikel findet sich eine Sichtweise, nach der ich auf der Suche war und die es gut trifft - aus Sicht des Einzelnen:

Die subjektorientierte Definition von Jose Maria Ballarin lautet:

"Kollaboration bedeutet, ein aktives Mitglied einer Gruppe zu sein, die zusammen arbeitet, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen."

Und er erläutert dies wie folgt (von mir wieder übersetzt).

"Ein aktives Mitglied zu sein bedeutet, du beteiligst dich nicht nur passiv an Unterhaltungen, Meetings und Interaktionen (z.B. durch Zuhören und Lernen), sondern du trägst deinen Teil dazu bei. Du hörst zu, veredelst es, entwickelst neue und teilst Materialien, die sich mit denen der anderen aufaddieren.

Weil Kollaboration eine Gruppenaktivität ist, musst du dich als Teil eines Teams fühlen. Du musst du selbst sein können und zur gleichen Zeit ein Teil einer größeren Organisation. Das ist die Bedeutung von "Mitglied einer Gruppe" zu sein.

Deine Arbeit kann nicht getrennt werden von dem, was die Gruppe tut. Das Team muss als einzige Einheit arbeiten, was gleichzeitig eine Notwendigkeit ist, um das Ziel zu erreichen und auch eine Konsequenz der Zielsetzung, die als wertvoll erachtet wurde von jedem Einzelnen und jedem Mitglied der Gruppe."

Was sind die Merkmale kollaborativer Arbeit?

Wenn wir also darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn Menschen eine Kompetenz zur Kollaboration in Teams mitbringen, dann wären dies Merkmale, an denen man es festmachen könnte:

  • Gruppen-Aktivität
  • Zielorientierung
  • Selbst-Vertrauen
  • Team-Zusammenhalt
  • Entfaltungsraum für alle Einzelnen
  • Ineinandergreifen der Arbeiten

Mit solchen Menschen zusammen arbeiten zu können. Das ist das, was Spass macht und Neues schafft! Und wofür es auch entsprechender struktureller Umstände bedarf. Man braucht halt passende Rahmenbedingungen. Kompetenz ist nie eine Einbahnstrasse, sondern immer Teil eines Systems ...

Wie ist Eure Erfahrung?

Und jetzt schaut euch einmal um, aus eurer beruflichen Erfahrung heraus: Wer kann wirklich so arbeiten? Ob als Team oder als EinzelneR - in aller Konsequenz?

Wir sind allesamt so sehr auf (persönliches) "Wissen ist Macht" getrimmt, dass sich daraus viele negativen Folge-Erscheinungen ableiten lassen.

  • Wer ist frei davon, sich irgendwo eine Idee abzuschauen und diese als seine eigene auszugeben?
  • Wer bemüht sich wirklich, anderer Leute Materialien qualitativ zu veredeln und dann wieder zu teilen?
  • Wer arbeitet in einem allumfassend zusammen arbeitenden Team mit einem gemeinsamen (!) Ziel?
  • Wer ist nicht Täter_in oder Opfer von subtilen Mobbing-Aktivitäten in hierarchisch organisierten Organisationen?
  • usw. usf.

Findet Ihr viele in Eurem Umfeld? Glückwunsch, dann habt Ihr Glück gehabt.

Und jetzt Ihr: Was denkt Ihr, wenn Ihr das lest?

Kompetenz aufbauen helfen?

Ja, auch als kleines Unternehmen kann man an Stellschrauben drehen, um diese Kompetenz bei Einzelnen zu fördern. Aber dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Hier nochmals meine Folien mit den Einflusssphären, an denen man schrauben könnte, um auch diese Kompetenz innerhalb des Unternehmens positiv zu beeinflussen:

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

4 Kommentare zu Was bedeutet eigentlich Kollaboration als Kompetenz?

  1. Pingback:geekchicks.de » geekchicks am 05.02.2015 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

  2. Was Carlos Dominguez meint, kann man als Teamarbeit oder Projektarbeit (in der eigenen Organisation, einrichtungsübergreifend, interprofessionell, etc.) bezeichnen. Ich nenne es Kooperation. Wenn zwei Personen gemeinsam z.B. einen Finanzierungsplan ausarbeiten, nenne ich es Kollaboration, wenn die eine die Finanzierung eines Projekts, der andere das Marketing desselben Projektes bearbeitet, ist es Kooperation – Kollaboration ist dann also Teilmenge von Kooperation.

    Was Eric Schmidt thematisiert, ist empathische Kooperation, verletzliche Interaktion unter Gleichen, die sich einem Höheren verpflichtet (z. B. einer gemeinsamen Vision oder Utopie), welche die Interessen der beteiligten Personen und Organisationen transzendiert – im Gegensatz zu strategischer Kooperation, die eingegangen wird, um eigene Ziele zu fördern, weil im Miteinander das Ziel besser oder effizienter erreicht werden kann als ohne.

    Was Harold Jarche differenziert: Er bezeichnet Netzwerken als Kooperation, Teamarbeit als Kollaboration. Netzwerke haben tendenziell geringe Bindungskräfte und geringe Geschäftsbedeutung, Kooperationen haben tendenziell höhere Geschäftsbedeutung und Bindungskräfte (Einbindung, Verbindung, Gebundenheit).

    Jetzt kann man sich das Ganze unter verschiedenen Perspektiven angucken:
    – Hierarchie, Führung, Steuerung (Hierarchien, Organisationsgrenzen, direktive Führung werden aufgeweicht)
    – (Unternehmens-) Ethik (welche Koop.-Moral wird vertreten? “tit for tat”?, “quid pro quo”?, “Konsens”?,… man vergleiche mit den Stufen der Moralentwicklung des Entwicklungspsychologen M. Kohlberg)
    – Methoden der Teamarbeit, persönliche Team-kompetenz und -performanz (die sozialpsychologische Perspektive). Hierzu ist v. a. in den 70er Jahren viel geforscht und geschrieben worden. Wirklich neue Erkenntnisse gibt es m. E. seitdem nicht, aber das Erkenntnisinteresse hat sich durch Digitalisierung und Globalisierung verändert – und die Vernetzungsdichte durch digitale Medien hat zugenommen. Sich der Erkenntnisse zu bemächtigen und sich auf die “Schultern von Giganten” zu setzen, macht sicherlich mehr Sinn, als “das Rad neu erfinden” zu wollen! Ist es legitim, “das Rad neu erfinden” zu dürfen?

    Es geht um viel mehr, als “Weiterbildung für den Arbeitsplatz der Zukunft” (ganz böse zugespitzt: “Befähigung oder Zurichtung zur Ausbeutung”): emanzipatorische Bildung und Sozialinteressen im Epochenwechsel der digitalen Revolution den Kapitalinteressen entgegenzusetzen, den Ausgleich neu zu suchen.

    • Anja C. Wagner sagt:

      Sorry, hab etwas länger gebraucht, bevor ich die Zeit für eine Antwort freischaufeln konnte. Und weil hier verschiedene Punkte angesprochen sind, auf die man lange antworten könnte. Ich versuche mich kurz zu fassen:

      1. Legitim finde ich grundsätzlich erst einmal jedwede Überlegung, die niemanden verletzt. Insofern auch meinen Ansatz.

      2. “Schultern von Giganten” sind immer eine gute Ausgangsbasis (ich hatte dies hier aufgegriffen: http://eepurl.com/bdIVq1), können mitunter aber die Perspektive verstellen. Die Digitalisierung und vor allem die neuen Kulturtechniken auf der Basis von Web 2.0 ermöglichen m. E. eine neue Blickrichtung. Im Fokus steht heute der User, die Crowd, nicht mehr das pädagogische Ziel oder die Ethik von Expert_innen, die das hehre Ziel vorgibt und die Menschen dahin biegen will. Es geht für viele Unternehmen eben nicht darum, sich zu einem “Social Business” entwickeln zu wollen, sondern einfach halbwegs vernünftig zu überleben. Und auch dieses halte ich größtenteils für legitim. Deshalb möchten wir hier unterstützend mitdenken.

      3. Denn die kollaborativen Arbeitstechniken ermöglichen ohne theoretischen Überbau eine ganz simple, user-freundliche Flexibilität. Sowohl auf Seiten der Kolleg_innen, als auch der Kund_innen und der Partner_innen. Hier lässt sich heutzutage deutlich effizienter arbeiten, was dem seelischen Wohlbefinden aller Beteiligten Zuge kommt. Denn Flexibilität ermöglicht Mobilität und auch neue Freiheitsgrade. Selbstverständlich im Korsett der kapitalistischen Zwänge. Will man dieses zerschlagen, braucht es mehr als der Anrufung von Sozialinteressen. Das ist mir deutlich zu idealistisch. Mein Standpunkt ist bekannt: Will man hier politisch etwas bewegen, braucht es wahrhaft mächtige, zivilgesellschaftliche Imperative und Hebel – und dies an den Institutionen der Macht.

      4. Solange wir also in diesem kapitalistischen System agieren, können wir dennoch versuchen, mit den Mitteln, die uns heute relativ kostengünstig zur Verfügung stehen, kollaborative Kulturtechniken einzuüben, um wenigstens ansatzweise innovativ im Sinne einer Transformation des Bestehenden neue Entwicklungen zu forcieren. Das impliziert heutzutage zwangsläufig, auch moderne humanistische wie ökologische Ausrichtungen in ökonomische “Sachzwänge” einzubeziehen.

      5. Sicherlich kann dies auch zu einer effizienteren Ausbeutung führen. Aber auch dagegen helfen nur starke zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Angesichts der sich abzeichnenden Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft ermöglicht es aber auch vielen kleinen Firmen, überhaupt zu überleben mit gut qualifiziertem Personal. Und für Einzelne könnte dies dazu führen, sich eine lebenswertere Lebensgrundlage zu erarbeiten, die angesichts der zunehmenden Prekarisierung immer weitere Flexibilisierungsroutinen braucht. Natürlich wäre hier ein Grundeinkommen hilfreich, um weniger Burnouts zu produzieren. Aber das stand hier nicht zur Disposition. Unabhängig davon kann gelebte Kollaboration im Alltagsleben eine gute Lebensbasis bieten.

      6. Und damit komme ich zurück zu meinen Überlegungen und warum ich nicht bei der klassischen, theoretischen Unterscheidung von Kollaboration und Kooperation begonnen habe: Dieser sehr abstrakte Zugang mündet nicht zwangsläufig in flexibleren Arbeitsbedingungen. Ich würde sogar behaupten, die Vertreter_innen dieser Richtung sind auf derselben Stufe der Kulturtechniken angesiedelt wie alle anderen. Mir geht es aber genau darum: Über eine sehr pragmatische Arbeit an den kollaborativen Techniken neue, kreative Formen der Zusammenarbeit zu erleben. Denn nur durch diese nahezu körperliche Erfahrung des Potenzials kollaborativer Arbeiten, lässt sich dieses transformative Moment erleben. Und damit ein Gefühl dafür, was Menschen eigentlich zu leisten imstande wären, wenn sie denn gemeinsam an etwas arbeiten würden.

      7. Im Übrigen ist genau dies m. E. emanzipatorische Bildung. Den Menschen selbst die Kulturtechniken an die Hand zu geben, mit denen sie kollektiv das schaffen können, was sie persönlich für wichtig erachten. Und eben nicht irgendwelchen Pädagogen die Deutungsmacht zu überlassen … 😉

  3. Pingback:Kollaboration vs. Kooperation | ununi.TV

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