Von Werten und Unwerten (#VUCA VII/4)



VUCA: Die flüchtige Zeiteinheit

WEALTH DRAWING, FEAR OF LOSS

(c) Frits Ahlefeldt – hikingartist.com

Der homo davosiensis ist einmal im Jahr in Davos sichtbar und sonst unerreichbar in den oberen Etagen der Wolkenkratzer in New York, Frankfurt, London oder Dubai.

Der homo laborans arbeitet mit seinem Laptop in einem Coworking Büro oder zuhause irgendwo in der Welt, allein, aber vernetzt, im virtuellen Team oder online. Ob am oberen oder unteren Ende, sie sind die Polaritäten, die der vernetzten Ökonomie der digitalen Wissensgesellschaften die Impulse geben.

Zwischen diesen Polaritäten setzen sich die Millionen Kleinunternehmen täglich neu mit den volatilen Märkten und ihrer komplexen Dynamik auseinander. Auf diesen entgrenzten Märkten werden spätestens in fünf Jahren 70% der Güter anders und woanders hergestellt werden als in den herkömmlichen Produktionseinheiten. Auf den globalen VUCA-Märkten werden alle Rohstoffe knapper, mit einer Ausnahme: Die Ressource Mensch vermehrt sich schneller als erwartet und wird damit als Arbeitskraft immer billiger.

Die Ressource Mensch muss jetzt aber auch den Wettlauf mit den intelligenteren und leistungsfähigeren Maschinen aufnehmen, den der Mensch in vielen Bereichen verlieren wird. Das sind keine Spekulationen, sondern technologische Fakten, die die Wissenschaftler und Unternehmer kennen, die Betroffenen aber gerne verdrängen.

Die Unternehmen beschäftigen weltweit etwa 2,5 Milliarden Menschen, davon sind 42 Millionen in Deutschland erwerbstätig. Auch hier wird in den nächsten Jahren jeder zweite seinen Arbeitsrhythmus wechseln. Dahin geht der globale Trend, der in den USA vor zwei Jahrzehnten begonnen hat, sich seit 2008 schnell in den angeschlagenen EU-Ländern ausbreitet und von den Nachbarländern allmählich im Namen der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen übernommen wird. „Freelance ist die Zukunft der Arbeit!“ Die Arbeit wird frei: Free Labor!

Die Freizügigkeit kennt keine Grenzen und die Unternehmen wissen, warum sie das TTIP hinter verschlossenen Türen aushandeln. Selbst wenn die Vertreter des Sozialismus in Deutschland oder Frankreich sich noch demonstrativ dagegen wehren, die Würfel sind gefallen. Der europäische Sozialstaat ist tot und damit auch das europäische Arbeitsmodell der sozialen Sicherheit. Der Rest ist nur eine Frage der Zeit.

Selbst wenn in den nächsten fünf Jahren von 50% aller Unternehmen in Deutschland nur die Hälfte ihrer Mitarbeiter von langfristigen in kurzfristige Arbeitsverhältnisse verschieben, arbeiten innerhalb kurzer Zeit 10 Millionen Erwerbstätige in prekären Verhältnissen. 2013 wurden in Deutschland etwa 1,5 Millionen Freiberufler und 3 Millionen als Solounternehmer in die Statistiken aufgenommen und 9,6 Millionen arbeiten heute schon mit Teilzeitverträgen. Es sind „offizielle“ Zahlen, die vielleicht nicht alle Parameter mit einbeziehen.

Die Verschiebung von Fest- auf Zeitarbeit oder auf freie, temporäre Mitarbeit ändert in den Industrieländern vorläufig nicht viel an der Gesamtsumme der Erwerbstätigen. Der Ausweg in die Selbständigkeit wird seit 2003 staatlich gefördert und von den Unternehmern, Politikern und Medien medienintensiv begrüßt. Dass bei einer rückläufigen Demographie und stagnierenden Arbeitslosenzahlen die Zahl der Erwerbstätigen weiter steigt, freut alle, aber wundert niemanden.

Nach außen hin bleiben die alten Werte zumindest im DA-CH weiter bestehen: Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum, ein stolzes Bruttoinlandsprodukt. Ob diese Werte überhaupt noch einen Sinn machen, ist eine andere Frage. Dass sich innerhalb dieser Zahlen der Arbeitsmodus ändern kann, ohne dass es groß auffällt, erklärt sich ganz einfach durch die Verschiebung der Verantwortungsebenen:

Nicht mehr der Staat oder die Gesellschaft ist für den Arbeitsmarkt verantwortlich, sondern jeder Einzelne muss aus seinen Kompetenzen das Beste machen. Die Mittel dafür stehen stehen frei zur Verfügung: Vom Arbeitsamt gibt es Bildungsgutscheine und im Internet kann sich jeder Wissensarbeiter fortbilden. Das ist nicht immer kostenlos, denn dahinter steht ja viel Arbeit und Zeit. Besonders im Wissenstransfer ist Mass Customization, das heisst die individuell formatierte Leistung, zeitaufwendig und Zeit ist Geld.

Wer nicht permanent sein Wissen und seine Kompetenzen auf den letzten Stand bringen will, wird Klempner, Elektriker, Schweisser, Mechaniker, Heizungsmonteur oder Gemüsegärtner.

Diese Fachkenntnisse werden weiter gebraucht und erfreuen sich einer konstanten Nachfrage. Diesen Rat gibt übrigens auch Michael Bloomberg. Es ist der Blick eines homo davosiensis von oben her auf die flache Welt. Die VUCA-Welt der Arbeit ist für ihn kein Scoop mehr und die Zukunft der Wissensarbeiter schon längst abgehakt.

Nun aber bekommen 99% der Menschen nicht diesen Abstand zur Arbeitswelt wie Michael Bloomberg hin. Sie kommen um die Arbeit nicht mehr herum. Ob sie ihnen Wohlstand und Sicherheit gibt, ist eine andere Frage. Übrigens, Klempner sind meist selbstständige Handwerker.

Der europäische Sozialstaat entlässt seine Kinder in die Selbstverantwortung und Selbstständigkeit. Auch das sind die Merkmale der Freelance-Ökonomie.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin
für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing.

Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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