Unsere verdruckste Wertegesellschaft

Irgendwie ist derzeit eine merkwürdige Zeit. Wir merken, wie uns die alten Werte verschwimmen. Die alten Grenzziehungen funktionieren immer weniger. Manche verteidigen weiterhin ihre moralischen Stellungen. Andere trauen sich verzagt, mit einem Fuss über die alten Grenzen hinauszutreten.

Ich merke das zum Beispiel beim kritischen Schlucken, wenn ich folgende Karte vorlege:

Erfolg über Treppen

In meinem Umfeld ist es verpönt, “Erfolg” anzustreben. Was soll das auch sein? Eine hohe Twitter-Followerzahl? Ein dickes Auto? Oder gar internationale Reputation? Irgendwie duftet da immer eine Prise vermeintlicher Eitelkeit mit. Oder Ellenbogen-Mentalität. Und das mögen wir so gar nicht. An anderen.

Wenn man es genau betrachtet, haben wir hier in Deutschland kein entspanntes Verhältnis zum Erfolg. Wir tun uns selbst sehr schwer, eigene Ziele zu definieren – und diese dann konsequent zu verfolgen. Sollten andere aus unserem Kulturkreis auf einmal individuellen Erfolg haben, dann erkennen wir das vielleicht an. Aber nicht öffentlich.

Und deshalb streben wir persönlich alle überhaupt nicht nach Erfolg. Offiziell. Weil wir damit diese falschen Werte verbinden. Diese miesen, karrieristischen Sekundär-Tugenden. Anstatt uns über die erreichten Ziele zu freuen. Die ja auf verschiedenen Ebenen gelagert sein können: Auf einer persönlichen, einer beruflichen, einer sozialen und/oder einer politischen Ebene.

OK, entspannen wir also. Persönlich, sozial und politisch vermag Erfolg ja noch durchgehen. Aber beruflich? Was soll das sein? Eine unbefristete Festanstellung? Ein Traumgehalt? Ein persönliches Branding? Eine Model-Karriere?

Und dann berichten diese Personen auch noch öffentlich von ihrem “Erfolg”? Ach, die Welt ist so ungerecht.

Wenn wir so über Erfolg sinnieren, dann wird uns deutlich: Erfolg nehmen wir eigentlich nur wahr, wenn wir davon erfahren – wir schreiben anderen Erfolg zu, wenn es äusserlich sichtbar wird. Sei es, weil wir es irgendwo lesen. Oder weil andere davon berichten.

Letzteres mag ja noch angehen. Aber wenn die Person selbst über sich berichtet, wird es uns doch unangenehm. Wir nehmen dies dann weniger als positiven Erfolg wahr, als eher als plumpes Selbst-Marketing. Als ob man dies nötig hätte ….

Gut, Selbst-Marketing ist doof. Dann nutzen wir doch die trojanischen Pferde des sozialen Marketings. Wie MOOCs beispielsweise. Wenn wir so wollen, dann sind MOOCs aus Veranstaltersicht prima Marketing-Instrumente. Idealer Weise arbeiten möglichst viele Beteiligte kostenfrei mit – es ist ja für den guten Zweck: Die (kosten-)freie Bildung.

Aber so kostenfrei ist diese Bildung gar nicht. Weil die Initiatoren entweder vor dem Hintergrund einer Festanstellung, einer öffentlichen Finanzierung oder zum Zwecke der Selbstvermarktung agieren. Weil man sich so prima als Experte oder Institut positioniert – mit bezahlten Folge-Vorträgen, Kurs-Buchungen etc. pp.

Der persönliche Erfolg wird hier kaschiert durch soziales Engagement. Die öffentlichen Werte sind ja gemeinnützig. Und durchaus auch respektabel. Mitunter.

Nun wäre gegen all dies nichts zu sagen, wenn wir es mit einem fairen Arbeitsmarkt zu tun hätten. Haben wir aber nicht. Wir leben in einer Zeit der neoliberalen Umbrüche. Auch wenn sich die Anbieter_innen pro forma kostenfreier Bildungsangebote selbst in sicheren beruflichen Verhältnissen bewegen: Die Welt draussen IST neoliberal organisiert.

OK, finden wir alle saublöd. Und wollen uns darin auch nicht bewegen. Erst recht nicht erfolgreich, weil das von einem Charakter zeugt, der moralisch verwerflich sein muss. Siehe oben. Ansonsten wäre diese Person doch nicht erfolgreich, oder?!

Und so beäugen sich alle wechselseitig. Die verdrucksten Selbstdarsteller und zaghaften Nicht-Marketer, die oftmals nur bedingt professionell arbeiten. Denn zwischenzeitlich bin ich da angelangt: Zur richtig professionellen Profession in neoliberalen Zeiten gehört nun mal auch das öffentliche Selbst-Marketing. Nicht im Sinne des permanenten Trommelns für die eigene Sache. Sondern eine ernsthafte, kritische, auch öffentliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Thema. So doof das auch sein mag.

Vernetzung, um es kurz zu machen. Darum geht es. Sich als Netzwerkknoten bemerkbar machen. Sich moralisch entfernen von dem kaschierten Wertesystem der klassischen Bildungsinstitutionen, durch deren Sozialisationsinstanzen wir allesamt gelaufen sind – und uns in non-formalen Zusammenhängen auch weiterhin bewegen. Denn wir werden nicht alle Unterschlupf finden in öffentlich finanzierten Institutionen. Zumindest nicht beruflich.

Also nicht schlecht fühlen, wenn man richtiges Geld verlangt für die eigene Arbeit. Nicht dafür schämen. Die anderen sind die Spielverderber: Die Innovationen abgreifen und öffentlich oder privat finanziert wieder in den Ring werfen. Leider funktioniert das aber nicht auf gesamtgesellschaftlicher, fairer Basis. Es sei denn, man unterläuft das gesamte System subversiv – und arbeitet für die Revolution. Aber dazu braucht es wiederum anderer Absicherungen …

Von daher: TAKE ACTION. Wie lauten deine Ziele? Und wirst du von deinem Erfolg berichten, wenn du diese Ziele erreicht hast? Auch von den vielen kleinen Zwischenschritten, von denen manche funktionierten und andere nicht? Ich hoffe es, denn nur so erfahren wir von dir und deinem Weg zum persönlichen Erfolg. Und können selbst von dir lernen!

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

2 Kommentare zu Unsere verdruckste Wertegesellschaft

  1. Fritz sagt:

    Die Scheu vor Erfolg kann sehr unglücklich machen. Nach Erfolg zu streben, heißt ja auch, dem Scheitern auszuweichen. Deshalb sollte man sich das, was das Wort einmal meinte, nicht wegnehmen lassen von Assoziationen, die aus dem Bereich der Angestellten-Karrieren stammen und Erfolg formal repräsentativ definieren, als Titel: “Ich bin aufgesteigen, ich bin jetzt Head of Kasperletheater …” Das sollte man einfach komplett streichen. Meine Lieblingsdefinition, weil nur zu wahr, stammt von Keith RIchards: “Erfolg ist, wenn du weitermachen kannst.” Das ist eine scheinbar bescheidende Definition, führt aber zur eigenen Motivation zurück. Wissenschaftler sind erfolgreich, wenn sie weitermachen können. Künstler und Schriftsteller sowieso. Eigentlich jeder Menschen.
    Wer seinen eigenen Erfolgswünschen aus dem Weg geht, verzichtet auf Erfolgserlebnisse. Die sind wichtig – kein Mensch kommt ohne aus. Sie machen glücklicher als Urlaub, vor dem TV abhängen, sich den Kopf zusaufen oder was weiß ich. Man kann solche Erlebnisse sogar auf Tagesbasis haben. Wer glücklich leben will, sollte jeden Abend das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben – dann schläft man besser 😉 Und das kann natürlich alles Mögliche sein, natürlich auch “Werke”, die man mit oder für andere getan hat.
    Vielleicht ist wichtig, dass man sich seine Wünsche nicht von außen aufbürden lässt. Dann ist man verloren. Das sind dann die Erfolgsmenschen, die ihren Erfolg daran messen, ob sie mehr verdienen als andere (dieser Wahn reicht dann eben bis in die Vorstandsetagen und wo immer die Leute die Zeichen des Erfolgs brauchen, um sich nicht klein zu fühlen, den berühmten Porsche vor der Haustür).
    Angst vor Erfolg kann außerdem dazu führen, dass man seine “Ressourcen” nicht nutzt oder verliert. Manchmal hört man von Menschen, die unter schwierigsten Voraussetzungen leiden und dann irgendetwas Erstaunliches schaffen. Das sind Einzelfälle, aber im Grunde kann sich jeder fragen: Was steckt in mir, was ich gar nicht kenne, was ich aus Skepsis gegenüber mir selbst brach liegen lasse? (Gerade bei B. Strauss gelesen, er sähe sich als Gescheiterten wie seinen Vater, er sei immer nur “saumselig” am Pfad des Lebens längst getrödelt 😉 ).

    • Danke für diese Fortführung des Gedankens!

      “Erfolg als weitermachen” zu definieren, will mir klug erscheinen. Darin steckt Transformation und Resilienz – 2 Tugenden, die wir in Europa noch weiter qualifizieren müssten. Eine Herkules-Aufgabe für ein modernes Bildungssystem …

      Mit “Keep flowing” zwecks Selbst-Aufmunterung liege ich dann gar nicht so schlecht 😉

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