Tag 1 der #tools15 zu working webbased

Gut, fasse ich mal grob zusammen: Es ist wirklich eine tolle “Expo & Konferenz” zur (Achtung Buzzword!) “digitalen Transformation”.

Heute den 1. Tag auf der tools-Messe in Berlin verbracht. Ich hatte vor einigen Wochen zufällig die Ankündigung entdeckt während der Vorbeifahrt an der Messe – und meldete mich kurzerhand an.

Der Untertitel lautet working webbased – und da wir ja aktuell sehr verstärkt uns mit diesem Thema beschäftigen, war es klar, dass ich vorbeischauen würde.

(Seit Jahren verfüge ich über einen Fachpresse-Ausweis, den man gut nutzen kann, um sich mal einen schnellen Überblick zu verschaffen. Und wenn es gut läuft, berichte ich darüber – so wie heute auch.)

Es ist eine sehr kleine, aber feine Messe, die zum 2. Mal statt findet.

Schön überschaubar haben sich in einer (!) Messehalle (fast) nur kleine Anbieter versammelt. OK, SAP ist auch vor Ort mit seiner neuen Cloud-Lösung – aber, ich muss dem morgen nochmals nachgehen, ich würde aus der Erinnerung sagen: Keine US-amerikanischen Anbieter, sondern mehrheitlich deutsch, vielleicht sogar ausschließlich? OK, ToDo für morgen!

Also, alles gemütlich und übersichtlich ohne die grossen, einschlägig bekannten Cloud-Services. Nix mit Entertainment und PiPaPo, sondern ganz nüchtern mit einigen Ausstellern und 4 interaktiven Bereichen.

Frauenanteil, ich hatte es getwittert, bei ca. 10%. Trotzdem: Wirklich angenehme Stimmung! Eher so unaufgeregter Pioniergeist, wenn auch die meisten mit Anzug. Wenig Freaks und offensichtliche Nerds, genau genommen: Gar keine.

Mit ein paar Anbietern habe ich heute gesprochen. Und ich muss sagen: Es tut sich durchaus was an innovativen Tools in der Cloud. Klein, aber fein. Jetzt müsste nur noch der deutsche Mentalitätswandel einsetzen, dann könnte die Branche loslegen … Morgen wollen wir das an den Ständen systematischer angehen. Und dann mal sehen, wie wir das aufbereiten.

Inhaltlich konzentrierte ich mich heute auf 4 Veranstaltungen auf der zentralen Bühne – und die waren allesamt sehr sehens- und hörenswert!

Teil 1: Der Knaller

Nick Sohnemann von FutureCandy als Keynote-Speaker und ich muss sagen, ich fand es sehr erfrischend.

Zum einen kannte ich ihn nicht und wenn man sich in seiner eigenen Social Media-Filter-Bubble bewegt, hat man ja oft den Eindruck, es gäbe nur 2-3 gute deutsche Redner mit (etwas) Weitblick. Zum anderen gerierte sich der Speaker wie ein hyper elektrisierter Motivationsredner, der Deutschland aufwecken will. Und das ist wirklich sehr unterhaltsam!

Dabei alles sehr grenzwertig für deutsche Ohren, da er offensichtlich die Potenziale “total geil” findet und die ambivalenten, negativen Konnotationen erst im 28. Nebensatz erwähnt.

Aber spätestens mit dem Satz, wir Deutschen dächten zu klein und selbst die an sich gute MyTaxi-App wäre doch auch nur ein 2. StudiVZ im Verhältnis zu Uber – da hatte er mich gepackt.

(Ich weiss, wir müssen jetzt nicht über pro und contra des Plattformkapitalismus diskutieren – und wenn schon, dann beginnen wir zunächst über den 2. Wortbaustein zu diskutieren und dann über den 1. …)

OK, worum geht’s?

Er sagt, es ginge nicht um die Optimierung der bestehenden Geschäftsprozesse, wie die Mission der tools15 angibt, sondern es ginge um weit mehr. (Womit er ja recht hat.)

Und dann versuchte er dies anhand realer Prototypen mit starken, lauten, visuellen Eindrücken zu untermalen, woran andere bereits arbeiten, derweil das Gros der Deutschen über den Datenschutz diskutiert.

Während also hiesige Anbieter im Mittelstand noch darauf hofften, ihre Komponenten für z.B. deutsche Autos wären Argument genug, diese Wagen auch später zu kaufen, zeigte er auf, wie sich die gesamte Welt da draussen gerade komplett verdreht und das Auto selbst zum Device wird, für das händeringend kluge und gute Apps benötigt würden usw.

Ich habe hier einen ähnlichen Vortrag von ihm gefunden, der grundsätzlich derselben visuellen Dramaturgie folgt – aber heute war er noch aufgepushter.

Den Spruch aus der Stanford-University, den er anführt, muss ich mir wohl doch auf die Wände tätowieren:

“Nothing is a mistake. There’s no win and no fail. There’s only make.”

Also, wenn ihr mal die Notwendigkeit habt, ein dröges Publikum einmal aufzumischen, ladet ihn ein. In den richtige Kreisen wird danach richtig Stimmung aufkommen …. 😉

Teil 2: Der Professor

Gerald Lembke ist Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Präsident des Bundesverbandes für Marketing und Medien.
Er zitierte aus verschiedenen Studien, deren für mich interessanteste Aussagen ich weitestgehend twitterte.

Inhaltlich ging es ihm wohl darum, aufzuzeigen, dass sich zwar die Unternehmen sehr schwer tun mit der digitalen Transformation, und kaum über Punkt 2 des kulturellen Reifegrades hinauskämen. tools#15_2

Es aber andererseits vielleicht auch nicht so schlimm wäre, da a) die Aufmerksamkeitsökonomie sowieso immer kleinere Zeiteinheiten pro Contenteinheit erlaube und b) die Menschen selbst ja eher zurückhalten das Netz nutzen würden & eher in eine vorgezogene Retro-Schleife rutschen könnten. tools1

(Auf Twitter wurde gefragt, ob ich das weiter ausführen könne. Nein, ich meine zu erinnern, dies waren Zahlen von einer Allensbach Studie, die ich persönlich nicht allzu überraschend fand, da schon Mitte der 1980er Jahre das Aufmerksamkeitsfenster in US-amerikanischen Schulen auf 10-12 Minuten geschätzt wurde (also der Einheit zwischen den Werbepausen). Dies jetzt aber nur auf die Medien zu schieben, ist mir persönlich zu billig. Es handelt sich um eine komplexe, sozio-kulturelle Verschiebung von persönlichen Präferenzen, würde ich sagen. Mit dem wir aber umgehen lernen müssen, wenn wir komplexe Themen diskursiv aushandeln wollen – und müssen.)

Teil 3: Die HR-Runde

3 Damen, moderiert von einem Herrn zur digitalen Revolution in HR.

Bitte hier selbst nachschlagen, wer anwesend war. Alle waren sehr gut, aber ich möchte hier nur die mir wichtig erscheinenden Aussagen für KMU listen:

  • HR-Abteilungen arbeiten noch sehr regional. Noch wenig Interesse an dezentralem Arbeiten. Nach Fähigkeiten zu rekrutieren, statt nach Orten, war hier die Empfehlung.
  • Hoheit der HR-Abteilung über den Recruiting-Prozess ggf. auch mal los lassen. Das bedeutet Mitarbeiter-Empfehlungen ermöglichen, Fachabteilungen mehr Kompetenz geben, mit Online-Marketing-Abteilung verbinden.
  • Active Sourcing wird immer wichtiger, v.a. für IT-Kräfte, das bedeutet: Netzwerke innerhalb des Unternehmens nutzen, Mitarbeiter stärker einbinden, ob sie nicht jemanden kennen und ihnen dann auch direkt Feedback geben über den Verlauf – sie also aktiv mitdenken lassen.
  • Was müssen Firmen den Bewerbern bieten? Mehr Wertschätzung der Person wagen – Tools können dabei helfen, den Kommunikationsprozess zu optimieren. Das Bewerbermanagement kann professionell automatisiert werden.
  • Matching-Algorithmen sind noch sehr am Anfang: Lebenslauf und Skills lassen sich absehbar noch nicht durch Algorithmen abbilden, meinte man hier – die persönliche Erfahrung mit Menschenverstand sei noch sehr wichtig
  • One-size-fits-all HR-Lösungen sind grundsätzlich für KMUs geeigneter als komplexe Produkte, die erst customized werden müssen mit Training etc. pp.
  • Empfehlung: Augen auf bei Ersteinführung eines Tools, weil dies die tragende Säule ind er Zukunft womöglich sein wird.

Teil 4: Karls Erdbeer-Imperium

Seitdem ich irgendwann zufällig bei einem Ausflug das gigantische Erlebnis-Dorf von Karls’ Erdbeeren entdeckte, bin ich Fan. Von daher freute es mich, dass der junge Landwirt eingeladen war, um davon zu berichten, wie er mittels Apps seinen Betrieb führt (immerhin mit mehr als 3.000 Mitarbeiter_innen).

Er erzählte also viel über Arbeitsorganisation und Controlling, und wie ihm die Digitalisierung hilft, das Unternehmen per Smartphone zu führen (er hat vor 2 Jahren sein Büro aufgegeben und arbeitet mobil).

An Apps für den Erdbeer-Hof, die größtenteils eigens dafür entwickelt wurden, führte er an:

  • App, die Pflücker “kontrolliert” und damit in Echtzeit den voraussichtlichen Bestand ablesbar hält, wieviele Erdbeeren morgen wirklich verkauft werden könnten
  • App, die Verkäufer “kontrolliert”, um zu sehen, wie gut der Abverkauf läuft und welchen Bedarf dieser Wagen am nächsten Tag hat
  • App, die “kontrolliert”, wo sich gerade die Geldkassetten befinden, damit diese den Weg auf das richtige Konto finden
  • Nutzung von Whatsapp, um Stände täglich zu fotografieren, damit man indirekt “kontrollieren” kann, ob das Corporate Design stimmt

Die Erlebnis-Dörfer wiederum sind ein separater Unternehmenszweig und sie laufen grundsätzlich über 3 digitale Säulen:

  • webbasiertes Kassensystem
  • App zum Ein- und Auschecken für das Personal, die mit GPS versehen ist und ermöglicht zu sehen, ob sie an den vorgesehenen Orten anwesend sind
  • Finanz-App, die hilft, Personal optimal entsprechend des Besucherandrangs und Umsatzes einzusetzen nach vorab definierten Kennzahlen

Das alles in Echtzeit, um entlang der Daten tagesaktuell den Betrieb so zu führen, dass die Kund_innen zufrieden sind. Darüber hinaus arbeiten sie verstärkt mit einem mobilen Online-Shop, um auch den dezentralen Verkauf zu ermöglichen.

Also wirklich sehr interessant, wobei man über einzelne Punkte sicherlich noch verstärkt nachdenken müsste. Aber dies hier als schnelle Notiz für die Abwesenden. Und Reminder für mich.


NACHTRAG:

Natürlich Quatsch – es waren jede Menge internationale Firmen vor Ort. Auch durchaus bekannte Groß-Unternehmen mit ihren cloudbasierten Tools. Nur eben nicht so aufgeblasen, wie auf der Cebit oder IFA.


Von Tag 2 berichte ich übrigens hier.

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

2 Kommentare zu Tag 1 der #tools15 zu working webbased

  1. Super Info. Danke

  2. Pingback:Tag 2 der #tools15 zu working webbased | ununi.TV

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