Schlafwandler & early adopters #VUCA (II/06)



Aufbruchzeiten

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In Veränderungsphasen erfassen die Zeitgenossen am wenigsten den Paradigmenwechsel, der sich vor ihren Augen vollzieht. In ihrer täglichen Enge könnten die meisten Menschen komplexe Veränderungsprozesse in Echtzeit gar nicht begreifen, weil es dafür in ihrem Gehirn weder Vorlagen noch Anknüpfungspunkte gibt. Außerdem funktionieren die traditionellen Modelle und Raster ja noch weiter und bleiben offensichtlich erfolgreich. Gerade das erschwere ein radikales Umdenken, so Thomas Kuhn.

Die deutsche Automobil- und Rüstungsindustrie boomen weiter, während die Zeichen schon auf der 4. Industriellen Revolution stehen. Europa hätte das Wissen und die Möglichkeiten, um Vorreiter und Marktführer in der blue, green und orange economy sowie der 4. Industriellen Revolution (Internet der Dinge) zu werden.

“Veränderungsprozesse überfordern die meisten, sodass sie sich auf Gemeinplätze fokussieren und ein hypertrophisches Bedürfnis nach Gewissheiten haben.“

So beschrieb auch der österreichische Philosoph und Schriftsteller Hermann Broch („Die Schlafwandler“,1932) die Unfähigkeit der meisten Zeitgenossen, sich von den vertrauten Denkmodellen loszulösen, sobald sie im Unterbewusstsein Veränderungen wahrnehmen, die sie nicht sofort begreifen.

„Je größer die Ungewissheit, und die Komplexität der Zusammenhänge, desto stärker wird der Drang, sich auf kleine, überschaubare Zusammenhänge aus der Welt von gestern zu beschränken,“ so Hermann Broch in „Pasenow oder die Romantik“, 1932.

Das erklärt auch, warum die Wunschunternehmen der jungen Deutschen wie BMW, Audi, VW und Daimler immer noch ganz oben stehen.

Paradigmenwechsel seien, so Hermann Broch und Thomas Kuhn, entweder die Sternstunde der Demagogen oder die der frühen Anwender, die in ihrem Gehirn den Quantensprung vollbringen und aus den neuen Technologien und den Umbrüchen entweder viel Macht oder viel Geld schöpfen. Manchmal beides.

Steve Jobs, Bill Gates wie die frühen Anwender aller industrieller Revolutionen setzten neue Technologien und Erfindungen in lukrative Geschäftsmodelle um. Dabei profitierten sie auch von den Leerräumen, die gleichzeitig Freiräume sind, um ihre Monopole aufzubauen.

Die ersten Kunden der von Adam Opel 1862 erfundenen mechanischen Nähmaschinen waren zwei kleine Stoffverkäufer in Paris, die sofort die Bedeutung dieser Erfindung erfasst und den Mut hatten, sie zu kaufen. Sie waren keine Schneider und ziemlich mittellos. Das war der Beginn der Konfektionskleidung und der großen Pariser, Wiener und Berliner Kaufhäuser, die viele neue Berufe, tausende von Stellen schufen und dabei die Dynamik und die Ökonomie der Städte veränderten.

Die schlesischen Weber dagegen, in einer Genossenschaft vereint, hätten vielleicht rechtzeitig jene mechanischen Webstühle erwerben sollen, die wenig später ihre Arbeit wertlos machten und sie ins Lumpenproletariat von Berlin trieben. Aber dafür fehlten ihnen die Visionen und das Verständnis der Veränderungsprozesse. Beide trennen die Gewinner von den Verlierern in Paradigmenwechseln.

Thomas Kuhn hatte seine Arbeiten 1962 veröffentlicht, Jahrzehnte bevor die Internet-Revolution als Massenphänomen ankam, aber im gleichen Jahr schon in einem MIT-Memorandum „Intergalactic Computer Network“ von J.C.R. Licklider in ihrer potentiellen Tragweite beschrieben wurde.

Für den Philosophen Hermann Broch, den Ökonomisten Josef Schumpeter und den Wissenschaftler Thomas Kuhn führt das Unverständnis der neuen Zeit- und Raumgesetze zur Unfähigkeit, die Zukunft anders zu denken. Diese Analysen stammen aus der Zeit vor der Internet-Revolution und nach der ersten und zweiten industriellen Revolution in Europa als sich die politischen und ökonomischen Veränderungsschübe noch über mehrere Jahrzehnte hinzogen.

Warum ist diese Verdrängung der neuen ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüche gerade im 21. Jahrhundert so heikel? Die digitale Revolution schob Raum und Zeit zusammen und verkürzte die Zwischenzeiten der Veränderungswellen, sodass die Übergangs- und Anpassungszeiten immer kürzer werden. Ob sie in den kurzen Zwischenräumen mehr Arbeit schafft als sie zerstört, wird seit den Arbeiten von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson heftig diskutiert. Für Schlafwandler und Nachzügler wird die Zeit immer knapper. Die Zeit wozu? Um sich anzupassen.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing. Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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