Rolle rückwärts (#VUCA VI/3)



Zurück zu den Anfängen

(c) Frits Ahlefeldt - http://hikingartist.com/

(c) Frits Ahlefeldt – http://hikingartist.com/

Wie verband man um 1900 den starken Bedarf am urbanen Arbeitsmarkt in den entstehenden Ballungszentren, Paris, London, Wien mit dem Überangebot an willigen und billigen Arbeitskräften in den Provinzen und auf dem Land?

Bis zum 1. Weltkrieg reisten tausende von Vermittler über die Dörfer und warben dort junge Menschen für gut bezahlte Arbeit in der Stadt an. Ihr Geschäftsmodell war ebenso einfach wie das von Manpower oder der heutigen Online-Jobbörsen für Freiberufler oder Jobsucher. Nur machten sie alles händisch und zu Fuß.

Für ihre Mühe und ihren Erfolg bekamen sie nicht nur eine einmalige Vermittlungsgebühr, sondern ein Zehntel des Lohnes von beiden Seiten. Nach und nach ersetzten die Unternehmer die externen Dienstleister durch eigene Personalbüros. So sparten sie Zeit und Kosten und hatten alles unter Kontrolle.

Die Arbeitsuchenden dagegen mussten fortan in die Städte wandern, um dort selbst auf Arbeitsuche zu gehen. Das konnte Monate dauern. In der Zwischenzeit waren sie obdachlos, denn für einen Wohnsitz brauchten sie auch eine feste Arbeit.

Wie lautete das Fazit der McKinsey-Studie zur Zukunft des Arbeitsmarktes?

„…angesichts der 4,5 Milliarden potentiellen Arbeitskräfte auf Jobsuche im Jahre 2020 sollte es keine lokalen Engpässe mehr geben, wenn die Verteiler effizient arbeiten.“

Die Verteiler sind schon bekannt und auf dem entgrenzten Arbeitsmarkt können sie aus dem Vollen schöpfen und sich über riesigen Nachschub freuen:

2013 waren offiziell über 200 Millionen Menschen auf dem globalen Arbeitsmarkt unterwegs, von einem kurzfristigen Job zum anderen. Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Bauarbeiter, Wissensarbeiter und über 200 Millionen gelten offiziell als arbeitslos (2013). Das sind die offiziellen Zahlen.

Für die Regierungen der wirtschaftsschwachen Länder mit starker Arbeitsmigration (über die Hälfte der EU-Länder und fast alle afrikanischen Staaten) sind die Arbeitsmigranten kurzfristig eine Chance, denn sie sind erst einmal von der Straße.

Wenn die arbeitslosen jungen Menschen im Ausland Geld verdienen, das teilweise wieder zurück ins Land fließt, so bringt das nicht nur Devisen, sondern ersetzt auch die fehlende Sozialhilfe vorort und fördert die lokalen Mikroökonomien. Mittelfristig verlieren diese Länder jedoch ihre potentiellen Leistungsträger.

Den Unternehmen in den Industrieländern bringt der Zustrom preisgünstiger Humanressourcen kurzfristig nur Vorteile. Leiharbeiter gibt es wie Sand am Meer und auch die hoch qualifizierten Wissensarbeiter strömen seit 2008 zu tausenden nach Nordeuropa.

Von den 7 Millionen in Deutschland lebenden Ausländern (2012) arbeitet die überwiegende Mehrheit legal oder illegal. Die italienischen, portugiesischen, spanischen, französischen griechischen und polnischen Arbeitsmigranten kommen nicht nach Deutschland, um von Sozialhilfe zu leben, sondern um zu arbeiten, meist unter ihrem eigentlichen Niveau. Auch die Afrikaner nehmen nicht die Gefahren einer „Seefahrt“ in Kauf, um sich auf einer deutschen Parkbank eine Auszeit zu gönnen.

Die Masse der gering qualifizierten Arbeitskräfte ebenso wie die zahlreichen ausländischen Ingenieure oder Akademiker drücken jedoch die Löhne hierzulande nach unten und treiben die Gewinnspannen der Unternehmen nach oben. Für die Volkswirtschaften der reichen Industrieländer Nordeuropas wie Deutschland ist das eine einmalige win-win Situation:

Sie brauchen auch nicht mehr in Bildung und Ausbildung zu investieren, denn die qualifizierten Fachkräfte kommen ihnen aus europäischen Landen oder vom Weltmarkt frisch auf den Tisch und sind dazu noch hoch motiviert und unbegrenzt belastbar.

Wenn man sie eines Tages nicht mehr brauchen sollte, weil auch die deutsche Wirtschaft die strukturelle Krise zu spüren bekommt, können sie einfach wieder zurück in ihre Heimat geschickt werden. Inzwischen treiben sie auch die Beschäftigungsrate nach oben und dafür gibt es noch EU-Fördergelder.

Statt vorwärts zu schauen, macht Europa eine Rolle rückwärts. Statt den versprochenen Millionen Jobs in den Zukunftsindustrien, wie sie im 2007 Vertrag von Lissabon den EU-Bürgern versprochen wurden, arbeiten viele junge Europäer im Jahr 2014 wieder unter Bedingungen, die ihre Vorfahren motivierten, sich zu organisieren und auf die Straße zu gehen.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin
für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing.

Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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