Politik im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Wie auch immer man die einzelnen Ergebnisse der 10. Co:llaboratory-Initiative zu Digitale Strategien für Regionen bewerten will: Man kann am konkreten Ablauf sehr genau ablesen, wie Politik in der Berliner Republik verläuft. Und dabei vor der collab-Organisation durchaus den Hut ziehen.

Zwar hatte ich das Gefühl, die “Expert_innen” sind nur Legitimation und Staffage für den Prozess, aber so wurde hier z.B. der Begriff “Smart Country” im Politikgetriebe platziert. Und mehr sollte im 1. Schritt auch gar nicht geschehen.

Politik ist bekanntlich v.a. Interessenspolitik. Nur die Positionen von Personen, Institutionen oder Interessensgruppen werden berücksichtigt, die sich aktiv bewegen und Lobby-Arbeit betreiben. Kann man kritisieren oder hinnehmen. Aber es bestätigt sich wieder und wieder:

Fast alle Beteiligten haben in solchen Prozessen kein Interesse, sich persönlich oder gar kollaborativ weiterzuentwickeln und auf dem Weg neue Synergien zu finden. Sondern man bringt bereits seine eigene Lösung mit ein und versucht diese geschickt zu platzieren. Aus welcher Motivation heraus auch immer.

Häufig ist es pures (Selbst-)Marketing. Denn im Ergebnis stehen dann die eigenen Namen unter einem Programm, das tatsächlich dem kleinsten Nenner entspricht, weil es irgendwie aus den eingebrachten Positionen schnell zusammen geklöppelt wurde.

Man nennt dies übrigens Good Governance im Fachjargon. Ein Aushandlungsprozess über mehrere Ebenen, der versucht, den grösstmöglichen Kompromiss zu finden. Natürlich nicht fair, sondern entlang der lautesten Stimmen usw.

Aber anyway. Ich möchte hier nicht auf der Policy-Ebene polemisieren. Nur das Ergebnis erklären. Wobei ich auf unsere Grafik wirklich stolz bin, da ich damit gut meine Position erklären kann.

CC BY 4.0 Martha Friedrich | Smart Country (co:llaboratory)

Ich hatte hier im Blog an anderer Stelle meine kurze Empfehlung zu digitaler Bildung im ländlichen Raum bereits angeführt. (Übrigens fast die einzige Position, die nicht vorab im Ergebnis feststand. Hier dieselben Ausführungen im collab-Blog.)

Gerade ländlichen Regionen kommt es m.E. sehr zugute, wenn das Bildungssystem nicht länger entlang silo-artiger Institutionen betrachtet wird. Vielmehr gilt es, den Netzwerkcharakter des Bildungssystems zu betonen, in dem auch Startups und zivilgesellschaftliche Initiativen akzeptiert sind, solange sie über das Netz alle miteinander interagieren.

Das wäre sozusagen die Vision: Weg zu kommen von diesen Bestandswahrungskämpfen und hin zu einem vielfältigen, offenen Austausch. Denn das Netz verbindet alles.

Wichtig ist “nur”, Orte bereitzustellen, wo sich Menschen begegnen können – sowohl physisch als auch virtuell. Jeder braucht Zugang zum Netz, wenn man das Potenzial aller Menschen mit einbeziehen will in die Gesellschaft.

Physisch gilt es von daher, eine Infrastruktur zu entwickeln, die z.B. auf bereits bestehenden Bibliotheken aufsetzt und diese mit freiem WLAN ausstattet. Auch sollten hier Angebote geschaffen werden, wo Menschen eine verbindliche, möglichst kostenfreie Unterstützung erhalten, wenn sie individuelle Probleme haben, ins Internet einzusteigen.

Über das Netz könnten dann all diese beteiligten Menschen, Institutionen, Online-Angebote und digitalen Begleitinstrumente miteinander ihre kulturelle Bildung und Ausbildung aushandeln. Und nebenbei gleich soziale Herausforderungen vor Ort innovativ im kollaborativen Verbund bearbeiten.

Nur braucht es dazu dann wieder eines klugen Mobilitätskonzeptes, um auch jungen und alten Menschen einen Zugang zu den Schnittstellen zu verschaffen. Aber dazu hatten sich andere Expert/innen Gedanken gemacht.

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Ein Kommentar zu Politik im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

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