Mit Markus Deimann von der Fernuni Hagen eröffnete ich eine Reihe auf ununi.TV zum Thema Open Education. Wir hatten es beim #mooccamp13 bereits angekündigt: Es braucht unseres Erachtens einer umfassenden, nüchternen Bestandsaufnahme der verschiedenen Open-Bewegungen, die bis hin zur EU diesen Begriff für sich deklarieren, aber jeweils Unterschiedliches meinen und mitunter kaum “open” sind.

Von daher möchten wir damit starten, zunächst einmal den Status Quo zu erfassen, auch und vor allem fern der üblichen pädagogischen Pfade, die gerne die Deutungshoheit im bildungspolitischen Diskurs für sich einnehmen. (Dies ist jetzt meine Interpretation des Ganzen. Markus wird dies sicherlich in Teilen anders sehen, was aber auch gut ist für die Spannung innerhalb der Reihe …)

Vor ein paar Tagen durften wir nunmehr unseren ersten Gesprächsgast begrüssen – und es war niemand Geringerer als Felix Stalder, der seit Jahren zur Netzwerkgesellschaft forscht. Seinen Essay zur Digital Solidarity kann man nur jedem ans Herz legen. Vor allem das erste Kapitel zur gesellschaftlichen Transformation, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, auch maßgeblich bedingt durch das Internet, ist sehr lesenswert, will man den Kulturwandel in seinem Kern verstehen.

Und was uns natürlich in der Folge interessiert: Was bedeutet dieser gesellschaftliche Kulturwandel eigentlich für das Bildungssystem?

Mir fehlt leider aktuell die Zeit, dies konsequent in die Zukunft zu denken und auszuformulieren. Deshalb liste ich einfach meine ersten Assoziationen, um Euch mitzunehmen auf dieser Reise. Wir werden in der Folge versuchen, uns im Gespräch mit weiteren Gästen voranzutasten mit dem Ziel, eines Tages einen halbwegs brauchbaren Kriterienkatalog entwickeln zu können, mit dem wir als “open” deklarierte Bildungsprojekte einschätzen und vergleichen können.

Hier meine ersten Assoziationen nach Lektüre von Felix’ Essay:

Bildungssystem kommt klassischer Weise folgende Aufgabe zu:

  • Ausbildung von qualifizierten Arbeitskräften

  • Dokumentation & Bewertung der Leistung zur Einschätzung

  • (idealtypisch) Ausprägung von gefestigten Charakteren mit Sozialkompetenz

Humboldtsches Bildungsverständnis setzt auf bürgerlichem Individualitätsbegriff auf: dem privaten, alleine still Bücher lesenden Bürger als autonomer, unabhängiger Geist, der äusseren Kräften nicht schutzlos ausgeliefert ist, sondern eine eigene Meinung sich bilden kann = Freiheit durch Privatheit

Bildungsinstitutionen bilden in geschlossenen, “privaten” Räumen unter willkürlicher Macht der Lehrpersonen die jungen Menschen aus. Standard-Argumentation: Einüben öffentlicher Muster im geschützten, privaten Kreis, dann Externalisierung. Was aber, wenn man in der Öffentlichkeit geschützter wäre (abgesehen von Daten-Tracks, mit denen man aber jonglieren könnte, wenn man die Logik verstanden hat)?

Hörsäle als erster Schritt, effizienter zu arbeiten – heute öffentliches Streaming möglich. Was spricht eigentlich grundsätzlich gegen Live-Videos aus Hörsälen (per default)?

Storytelling der eigenen Identität über Belegung vermeintlich interessanter, offener Kurse – bei Kommunikation entsteht Soziabilität rund um diese Themen-Struktur, es wachsen langsam erste Netzwerke.

Und dies wären meine Fragen, die es zunächst zu klären gilt:

  1. Klassische Bedeutung des Bildungssystems: Hat es sich zum Diener neoliberaler Kräfte entwickelt? Gibt es heute noch eine weitere Daseinsberechtigung?
  2. Humboldt schuf Privatheit – wie sähe ein System aus, um Menschen auf neue Anforderungen vorzubereiten oder sie aktiv zu begleiten?
  3. Neue soziale Formen brauchen Erfahrungen, weil sie nicht uniformierbar sind (wie in klass. Berufsbildern) – wie kann man diesen Prozess gesellschaftlich unterstützen (bis zu welchem Punkt muss man, ab wann kann man)?
  4. Neue Technologien haben das Potenzial der Transformation klass. Bildung, wenn sie neue Soziabilitäten schaffen. Wie schaffen wir maximal wertfreie technologische Umgebungen, die dem Menschen auch weiterhin eine gewisse Freiheit bieten?
  5. Hacking (New) Education als neue Kompetenz, die man lernen sollte (selbst neoliberale Datensammler-Plattformen können als EduJockey gespielt werden) – wie zeigt man Wege dahin?

Einige Punkte konnten wir in diesem Gespräch bereits besprechen. Demnächst geht’s weiter – wir haben eine grosse Liste interessanter Gesprächspartner/innen.

By the way: Man achte auf die Domain, unter der Felix bloggt …. 😉

So, das soll für’s erste reichen. Stay tuned!

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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