Die unvernetzte Generation

Meine Aussage zu den 68ern schlägt derzeit einige kleine Wellen. Hier eine kurze Erläuterung …

Gunnar Sohn hat in seinem Blogbeitrag zu meinem Video ausgeführt, welche Werte die 68er im Netz verpassen. Er nennt Emanzipation, Transparenz und Mitbestimmung.

Das ist richtig, wenn ich diese Faktoren auch eher als normatives Ergebnis tatsächlich ausgeübter Kulturpraktiken im Netz kennzeichnen würde. Die Werte der 68er, die ich hier im Gefolge von Manuel Castells‘ Forschungen anspreche, lauten eher:

  • libertärer Geist
  • kulturelle Offenheit
  • das Spiel mit Symbolen
  • individuelle Kultur
  • Bedürfnis nach geteilten Erfahrungen
  • sozialer Anspruch, die Welt zu gestalten
  • alte Machtstrukturen in Frage stellend
  • persönliche Sinnstiftung statt normative Lebensläufe
  • Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten der Identitätsbildung
  • Botschaften vom Medium lösend
  • die Gatekeeper-Positionen aushebelnd

“Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren”

Diese Werte brachen sich in den sozialen Bewegungen der “68er-Bewegung” zum ersten Mal ihre globale Bahn. Und mündeten in neuen sozialen Bewegungen wie z.B. der Occupy-Bewegung, den netzpolitischen Treiber/innen, dem arabischen Frühling (trotz aller heutigen Ernüchterung), Urban Gardening-Projekten etc. pp.

Als Bewegungen bilden sie heute weltweit, bedingt durch den Netz-Austausch, neue kollektive Identitäten aus, die tendenziell weniger von der lokalen als der globalen Kultur geprägt sind. Sie bilden kleine Subkulturen aus und treiben in ihrer amorphen Vernetzung sämtliche Gesellschaften voran, sich innovativ weiterzuentwickeln. Sie sind die neuen, basisdemokratischen Eliten, die Raum- und Zeitbezüge unserer gesellschaftlichen Strukturierung neu definieren.

Alles dies wird unterstützt durch die Potenziale des Netzes – trotz aller Überwachungsmethodiken und -narrative, die es auch braucht, um Menschen abzuschrecken, diese Potenziale in ihrem Sinne zu nutzen …

Denn: Die Potenziale des globalen Netzes vermögen traditionelle Vermachtungen vor Ort zu unterspülen. Indem sich kulturelle Werte im Netz weltweit angleichen, beeinflussen sie wechselseitig die Kultur vor Ort.

Damit rückt die Bedeutung traditioneller Machteliten in den Hintergrund. Der Wertebezug von Menschen in den Netzwerken verbindet sich zu einer unkontrollierbaren Macht.

Bislang konnten Wohlstand, Funktionalität und Macht relativ reibungslos in den globalen ökonomischen Bahnen abgewickelt werden. Heute vermag sich dieser globalen Praxis eine Sinn stiftende kulturelle Praxis entgegen stellen, die alles in Frage stellt.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich dieser Machtkampf zukünftig ausgestaltet.

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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