Lehraufträge als individuelles Luxus-Modell, das bildungspolitisch transformiert werden sollte

Immer wieder erhalte ich Anfragen von Hochschulen, ob ich nicht einen Lehrauftrag übernehmen wolle. Leider muss ich diese in letzter Zeit immer wieder absagen, da ich für mich eine Entscheidung gefällt habe:

Ich kann und will mir diesen Luxus nicht mehr leisten. Die Aufwandsentschädigung ist dermassen unverhältnismässig zum erforderlichen Aufwand, dass es nahezu unverschämt erscheint. Und dieses Problem ist ein strukturelles, bildungspolitisches Problem, kein individuelles.

Es ist ja so: Hochschulen engagieren einen Stamm an Professor_innen und wissenschaftlichen Nachwuchskräften, um ihre akkreditierten Studiengänge im Kern mit Fachkompetenz zu unterfüttern. 

Nun sind viele Curricula vor langer Zeit entstanden, die wachsende, inhaltliche Lücken im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen aufweisen. Das sind dann alles Themen, die das bestehende Kollegium nicht bearbeiten will oder kann.

Dafür engagiert man dann Lehrbeauftragte, die traditionell mit dem Versprechen angelockt werden, dass sie mit dieser Lehr-Erfahrung und einer geeigneten wissenschaftlichen Qualifikation ihre Chancen auf eine spätere Professur erhöhen. 

Entlohnt werden sie entsprechend nur symbolisch. Stundensätze von ca. 30€ brutto sind hier die Regel. Vor- und Nachbereitung selbstverständlich inklusive. Wer hauptberuflich sich als Lehrbeauftragte_r durchschlägt, muss davon noch Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung selbstständig abführen. 

Ohne Urlaub oder Ausfallgelder bei Krankheit. Ohne Arbeitslosenversicherung, oder irgendwas. Man befindet sich in einer Verarmungsspirale und ungleichen Machtbeziehung zudem – ohne Aussicht auf Weiterentwicklung, gleich welcher Art.

In Zeiten schneller Innovationszyklen wächst die Anzahl der inhaltlichen Lücken innerhalb der starren Hochschul-Strukturen, die gefüllt werden müssen mit Menschen, die sich am Puls der thematischen Zeit bewegen. Auf eigene Kosten, versteht sich, weil innerhalb der Systeme dafür kein Raum ist.

Viele Jahre lang habe ich jedes Semester einzelne Studierenden-Gruppen ins “Web 2.0” geführt – mit Lehraufträgen, die ich per Querfinanzierung aus anderen Projekten mir erlaubte. 

Einfach, weil ich es für wichtig befand, die nächste Generation mit aktuellen Themen und Techniken zu konfrontieren, mit denen ich mich relativ früh schon beschäftigte. Und ich auch vor Ort sah, welche Ignoranz sich im etablierten Betrieb hinsichtlich dieser Themen offenbarte (teilweise bis in die heutige Zeit hinein).

Aber irgendwann entschied ich: Genug. Das kann es nicht sein. Es ist bildungspolitisch falsch, diese Strukturen zu unterstützen. Da ist etwas grundlegend in Schieflage geraten, das man auch mit viel Engagement nicht mehr kitten kann. Und ungerecht ist es zudem.

Ich arbeite gerne mit Studierenden zusammen. Den meisten zumindest. Und man könnte diese inhaltliche Arbeit auch punktuell sehr modern im bestehenden Lehr-Betrieb integrieren, wenn man hochschulübergreifend denken könnte und weniger formal.

Warum müssen bestimmte Basis-Themen wie, sagen wir mal: “Einführung in Web 2.0” (wenn man es denn so bezeichnen will und letztlich ist das konkrete Thema auch egal, da viele Arbeitsprozesse in der Netzwerkgesellschaft anders angegangen werden müssten) pro Hochschule angeboten werden? Das liesse sich doch weit effizienter und auch effektiver über dezentrale Online-Strukturen abwickeln, wegen mir begleitet durch lokale Meetups in den jeweiligen Städten?!

So könnten Kollaboration und Kooperation, das Schwimmen im Informationsfluss und die Beteiligung an modernen Wissensprozessen weit, weit sinnvoller zugunsten eines brandaktuellen, gesellschaftlichen Themas stellvertretend eingeübt werden – und wegen mir auch übergangsweise noch Credit Points für Leistungsnachweise vergeben werden. Ich spreche übrigens nicht primär von MOOCs, auch wenn sie ein Teil einer solchen Strategie sein könnten.

Ich spreche von einem modernen Bildungskonzept, das Studierenden einen Weg aufzeigt, wie sie sich in der modernen Welt grundlegend mit neuen Technologien aufstellen könnten, um nicht nur das Studium zu bewältigen, sondern auch anschliessend am Puls der Zeit zu verbleiben.

Dies wäre unter’m Strich deutlich innovativer in vielfältiger Hinsicht – und auch kostengünstiger, weil diese dezentralen Systeme über die Zeit qualitativ immer besser würden, da die “Crowd” sich dieser Themen annehmen könnte. Die “Crowd” lebt am Puls der Zeit. Die Hochschul-Angehörigen zumeist in einer anderen Zeit-Dimension.

Das wäre bildungspolitisch aus meiner Sicht ein erster Schritt in eine mögliche Zukunft, wie ich sie für notwendig erachten würde.

Sollte hier Interesse bestehen, dies qualitativ weiterzudenken und aufzusetzen: Mit den Netzwerk-Verbindungen innerhalb wie ausserhalb von ununi.TV liesse sich hier einiges in kürzester Zeit realisieren. Gerne auch in Kooperation mit einer Institution, die sich dieses Themas grundlegend annehmen möchte.

Sprecht mich an!

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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