Ist jedes Unternehmen ein kleines Kapitalistenschweinerl?

Unternehmen = Unternehmen?

Immer wieder wird beklagt, es gäbe zu wenige Unternehmensgründungen in Deutschland. Das hat vielerlei Ursachen, denke ich. Eine davon liegt in einer verzerrten Wahrnehmung des Unternehmens-Begriffes begründet.

In Deutschland werden mit dem Unternehmensbegriff gleich Assoziationen “zum Daimler” oder “zum Bosch” bemüht. Die Größen des Industrie-Jahrhunderts haben unser kulturelles Bild geprägt – nicht unbedingt zum Vorteil unser aller Sichtweise auf Unternehmen.

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Startups als Retter?

Als kleines Gegengewicht rücken nunmehr die Startups auf der Suche nach “dem neuen Facebook” ins mediale Sichtfeld. Auch dies sind nicht durchgängig sympathische Unternehmungen, sind sie doch oftmals mehr vom Geld als ihrem Social Impact getrieben. Zudem wollen auch sie sehr gross werden, eben skalieren, um RICHTIG Geld zu machen.

Nun sind diese beiden Extremformen zwar auch Unternehmen, aber sie sind nicht die Mehrzahl.

Ganz im Gegenteil: Das Gros der Unternehmen ist klein bis sehr klein strukturiert. Um sich dies zu vergegenwärtigen, habe ich mir ein paar Definitionen und Zahlen angeschaut.

Ein paar gleich? Ja, genau genommen sind für uns 2 verschiedene Definitionen relevant. In Deutschland grenzt man nämlich “den deutschen Mittelstand” anhand klarer Zielvorgaben von der üblichen EU-Definition von KMUs ab.


Für die folgenden Ausführungen durfte ich mich an den Zahlen, Texten und Grafiken des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn bedienen.

Das IfM Bonn wurde im Jahr 1957 auf Initiative Ludwig Erhards von der Bundesrepublik Deutschland und vom Land Nordrhein-Westfalen als Stiftung des privaten Rechts gegründet. Aufgabe des IfM Bonn ist es, die Lage, Entwicklung und Probleme des Mittelstands zu erforschen, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mit seinen Arbeiten zur Erfüllung der Aufgaben der Ressorts seiner Stifter beizutragen.

KMU-Definition der Europäischen Kommission

Gemäß der Definition der EU-Kommission zählt ein Unternehmen dann zu den KMU, wenn es nicht mehr als 249 Beschäftigte hat und einen Jahresumsatz von höchstens 50 Millionen Euro erwirtschaftet oder eine Bilanzsumme von maximal 43 Millionen Euro aufweist.

Zugleich muss es unabhängig sein, d. h. Unternehmen, die zu mehr als 25 % zu einer Unternehmensgruppe gehören, fallen nicht darunter.

Die KMU-Schwellenwerte der EU kennzeichnen Firmen mit bis zu

  • 9 Beschäftigten und weniger als 2 Millionen € Jahresumsatz als kleinste Unternehmen,
  • 49 Beschäftigten und weniger als 10 Millionen € Jahresumsatz als kleine Unternehmen,
  • 249 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von unter 50 Millionen € als mittlere Unternehmen.

Anteile der kleinsten Unternehmen auf Umsatz und sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Deutschland

Kleinste Unternehmen

(c) IfM Bonn

KMU-Definition des IfM Bonn

Der Begriff “wirtschaftlicher Mittelstand” ist ausschließlich in Deutschland gebräuchlich.

Demnach gilt ein Unternehmen als mittelständisch, wenn dessen Leitung bei den Inhabern liegt, also eine Einheit von Eigentum und Leitung vorliegt.

Zu unterscheiden davon sind die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die einen rein statistisch definierten Teil der Gesamtwirtschaft darstellen. Gleichwohl: Die Mehrheit der KMU sind mittelständische Unternehmen und umgekehrt.

Aufgrund der Besonderheiten des deutschen Mittelstands verwendet das IfM Bonn eine andere Definition als die Europäische Union. So definiert es seit 01.01.2002 Unternehmen mit bis zu

  • 9 Beschäftigten und weniger als 1 Million € Jahresumsatz als kleine Unternehmen,
  • 499 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von unter 50 Millionen € als mittlere Unternehmen.

Anteile der kleinen Unternehmen nach IfM-Definition auf Umsatz und sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Deutschland

Kleine Unternehmen nach KMU-Definition des IfM Bonn

(c) IfM Bonn

Im konkreten Vergleich

Man könnte jetzt verwirrt sein, aber aus Sicht eines Instituts für den Mittelstand macht es durchaus Sinn.

Der “deutsche Mittelstand” umfasst demnach sämtliche Firmen, die mehr als 1 und weniger als 50 Millionen Euro Umsatz machen und eher inhabergeführt sind bzw. keinen größeren Unternehmensanteil an eine andere Unternehmensgruppe abgetreten haben.

U-Größe EU Anzahl Beschäftigte IfM Anzahl Beschäftigte
kleinst bis 9 Beschäftigte
+ bis 2 Mio. € Umsatz
 89,5% 14,7%
klein bis 49 Beschäftigte
+ bis 10 Mio. € Umsatz
8,1% 18,7% bis 9 Beschäftigte
+ bis 1 Mio. € Umsatz
87,1% 13,4%
mittel bis 249 Beschäftigte
+ bis 50 Mio. € Umsatz
 1,9% 20,6% bis 499 Beschäftigte
+ bis 50 Mio. € Umsatz
12,5% 46,0%

 

Gemessen an der Anzahl sämtlicher Unternehmen sind es lediglich 12,5% Firmen, die den Kriterien des deutschen Mittelstandes entsprechen. Aber sie sorgen für 46% aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Das ist eine respektable Zahl und erklärt die Sorgen, die im Zuge von “Industrie 4.0” in diesem Sektor aufkommen.

Auf der anderen Seite verdeutlicht es die Vielzahl an wirklich kleinen Unternehmen, die weniger als 1 Million Euro Umsatz im Jahr machen. Auch hier besteht zukünftig großer Handlungsbedarf, obwohl sie alle zusammen “lediglich” für 7,4% aller steuerbaren Umsätze durch Lieferungen und Leistungen einstehen.

Fazit

Genau genommen ist nur ein Bruchteil der aktiven Unternehmen als Kapitalistenschweinerl einzustufen. Das Gros der Firmen müht sich schwer arbeitend ab, Umsatz und Beschäftigung zu gewährleisten. Und verdient dafür m.E. viel Respekt und eine möglichst breite Unterstützung.

So anbiedernd das jetzt gerade auch klingt …

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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