Versagen der Hochschulen

Gestern sprachen Markus Deimann und ich mit dem Medientheoretiker und Netzaktivisten Geert Lovink zur Netzkultur und Open Education auf ununi.TV.

Markus übernahm die inhaltliche Moderation und hatte sich im Vorfeld 3 Punkte überlegt, über die er sprechen wollte:

  1. Ausführen der Spannung zwischen dem Open Web in der Tradition des Internets vor den 2000er Jahren (“Cyberspace”) und der Kommerzialisierung und Kommodifizierung im Zusammenhang mit dem Aufkommen von Social Media
  2. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Bildung? Anknüpfung am “Battle for Openness”
  3. Was müsste getan werden, um (wieder) mehr in Richtung eines offenen Webs und Open Education zu kommen?

Als ich das so las, ahnte ich schon, was im Gespräch folgen würde. Markus überraschte (mich) mit der Aussage, die Hochschulen (sic!) seien historisch die eigentlichen Treiber der Open Education-Bewegung. Mir verschlägt’s da jedes Mal die Sprache, wie man sich so die Geschichte zurecht rücken kann. Aber gut, darauf werden wir im Laufe der Zeit sicherlich noch häufiger zu sprechen kommen. Und im Interesse einer konstruktiven Auseinandersetzung gehe ich über diese Sticheleien mit Grösse hinweg und versuche mich an einer Gestaltung unserer Zukunft 😉

Insofern machte ich mir vorab still einige Notizen aus meiner “Crowd Education”-Perspektive, die mitunter doch deutlich unterschiedliche Sichtweisen beinhaltet. Das Gespräch lief dann sehr gut – Geert ist ein sehr unprätentiöser Gesprächspartner und gehört zu den historischen Netz-Aktiven, wie wir sie in Deutschland gar nicht kennen. Er machte uns Mut, weiter voranzugehen in kleinen Schritten mit ununi.TV, um eine zivilgesellschaftliche Alternative zum bestehenden Stillstand aufzubauen. Na, denn!

Und hier meine Anmerkungen zu Markus’ Fragen:

ad 1. Ist das Web als solches wirklich weniger open im Jahre 2014? Hat nicht die kommerzielle Banalisierung des Webs auch zu einer Standardisierung des Open-Gedankens und einer breiteren Bewegung geführt? (von Open Source über Access, OER, Open Technology etc.)

ad 2. Versagen der Hochschulen. sich in irgendeiner Weise aktiv in dem Prozess einzubringen. Die Entwicklung wird voran getrieben von zivilgesellschaftlichen Kräften auf der einen Seite und kommerziellen Startup-Unternehmen auf der anderen Seite. Letzteres jetzt dankend übernommen von der mächtigen EU-Bürokratie. Die Zivilgesellschaft ist aber mit einem antiquierten, rückwärts gewandten Mainstream-Bildungsbegriff unterwegs, der strukturelle Transformationen nicht in den Blick nimmt – im Ggs. zu Startups, die disruptiv denken. Mehr Dialektik auch in unserer kritischen Begleitung erforderlich? Das Unbundling des Bildungsprozesses hat bereits begonnen. Forschung und Lehre werden in Teilsysteme zerschlagen und am Markt teilweise effektiver dargestellt. Wir müssen fragen, welche Errungenschaften des staatlichen Bildungszugangs im 21. Jahrhundert überlebenswert sind. Content sollte per se frei sein (da hinken Uni-Bedienstete ja oftmals hinterher – unheilige Allianz mit alten Kommerz-Interessen der Verlage). Mit dem Content steht der Zugang zu reflektierten oder destillierten Wissensbausteinen jedem offen. Und HS bieten evtl. eine bessere Zugänglichkeit zum Wissen. Oder was ist daran besser? Sind sie klüger, weitsichtiger, innovativer ( im Sinne gesellschaftlich relevanter Prozesse)?

ad 3. Waren wir jemals weiter beim Thema Open Education? Ich denke eher nicht. Die Entwicklungen werden von der Zivilgesellschaft und den Marktkräften voran getrieben. Die Hochschulen stolpern hinterher. Und kein Ende ist absehbar. Frage umkehren: Können Hochschulen jemals in ihrer derzeitigen Verfasstheit wieder die leitende, führende, vorantreibende Kraft übernehmen, Gesellschaft im positiven Sinne zu inspirieren? Ich glaube kaum. Können sie Menschen ausbilden, die in anderen Subsystemen disruptiv unseren Status Quo hinterfragen und mit neuen Technologien weiter bringen? Ich glaube kaum. Können HS m 21. Jhdt.  jemals mehr sein als ein öffentliches Angebot, sich einen Zugang zu strukturiert kritischem Denken zu erarbeiten und eventuell erste Grundlagen sich zu erarbeiten? Aber könnte man dies nicht viel spassvoller, offen zugänglicher und effizienter organisieren über öffentlich geförderte Coworking-Spaces, Maker-Bots, Bibliotheken etc. pp.? Ich denke derzeit schon …

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Schreibe einen Kommentar

Bitte nutze deinen richtigen Namen.