Gestaltung von Infrastruktur für mobil-flexibles Arbeiten

In der Schweiz hat sich eine Gruppe an renommierten Unternehmen zu einer Work Smart Initiative zusammen geschlossen, die das Ziel verfolgt, eine neue Arbeitskultur zum Vorteil von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu etablieren.

Das produktive Team - ein Leitfaden für Führungskräfte

Beispiel: Das produktive Team – ein Leitfaden für Führungskräfte (dort zum Download)

Dazu können interessierte Schweizer Unternehmen eine Charta zur Gestaltung von flexiblem und ortsunabhängigem Arbeiten unterschreiben, die die Unterzeichner verpflichtet, mit geeigneten Massnahmen in ihren Unternehmen und Institutionen messbar zu folgenden Zielen beizutragen:

  • Motivierende Rahmenbedingungen für Mitarbeitende schaffen
  • Den Arbeitsmarkt besser erschliessen
  • Ressourcen und Infrastrukturen smarter nutzen

Im Rahmen der Initiative werden verschiedene Publikationen veröffentlicht – eine ist der oben im Zitat bereits adressierte Forschungsbericht zur Gestaltung mobil-flexibler Arbeit in großen und mittleren Unternehmen.

Ich zitiere jetzt auszugsweise aus dem Fazit und markiere die Stellen, die m.E. auch für kleine Unternehmen interessant sein sollten.


Das Wichtigste in Kürze

Hierbei zeigte sich, dass insbesondere das Prinzip “Desk Sharing” eine spezielle Herausforderung darstellt. Das Aufgaben des eigenen Arbeitsplatzes oder gar des eigenen Büros und das sich zurecht Finden in den neuen, flexiblen Arbeitswelten ist für viele kein leichter Schritt.

Desk Sharing ist sozusagen eine erleb- und fühlbare Konsequenz mobil-flexibler Arbeit, der sich niemand entziehen kann. Daher sollte dieses Thema auch mit dem nötigen Aufwand vorbereitet und umgesetzt werden:

Nötig sind u.a. Statements des höheren Managements (am besten natürlich in der Form, dass hier auch demonstrativ auf den eigenen Arbeitsplatz verzichtet wird) und eine klare und umfangreiche Kommunikation. Auf Testflächen können Mitarbeitende sich ein Bild vom zukünftige Büro machen. Besonders wichtig ist hier auch die Rolle der direkten Führungskräfte, welche den Wandel mittragen und Widerstände abfedern müssen.

Wichtig ist allerdings zu betonen, dass Desk Sharing keine notwendige Bedingung für mobil-flexibles Arbeiten ist, auch nicht in den “Fortgeschrittenen”-Phasen. Zentral ist allerdings eine Bürogestaltung, die viel Raum bietet für formelle und informelle Begegnungen. Um diesen Raum zu schaffen, kann allerdings ein platzsparendes Desk Sharing System sinnvoll sein. Letztlich sind aber viele Modelle für eine Büroraumgestaltung denkbar, die mobil-flexibles Arbeiten unterstützen kann.

Technologien für die Gestaltung mobil-flexibler Arbeit

Unter den vielen zur Verfügung stehenden Tools für Kommunikation und Kollaboration suchen sich Teams diejenigen, die zu ihnen individuell am besten passen. Hierfür ist natürlich eine gewisse Bereitschaft zum Erproben nötig.

Ein zentrales Thema zeigte sich allerdings in den “Fortgeschrittenen”-Phasen, und zwar die Schwierigkeit, neue Kollaborationstools wie soziale Unternehmensnetzwerke oder Kollaborationsplattformen wirklich firmenweit einzuführen. Solche Tools entfalten oft ihre Vorteile erst dann, wenn viele es nutzen und die Bereitschaft es zu nutzen, ist zu Beginn daher oft gering.

Die Schwierigkeiten können zum Teil darauf zurückgeführt werden, dass die Nutzung dieser neuen Tools oft auf Freiwilligkeit basieren und nicht zwingend nötig für die Geschäftsprozesse sind.

Die Bereitschaft, Informationen für alle zugänglich zu machen, muss vielerorts wohl erst noch wachsen. Eine Unternehmenskultur, innerhalb der dies stattfinden soll, welche stark auf Konkurrenzdenken basiert, erschwert dies. Wie es einige unserer Interviewpartner auch betont haben, ist für die Einführung solcher Tools ein echter Kulturwandel nötig.

Gestaltung mobil-flexibler Arbeit mittels Regelungen

“Einsteiger” regulieren detaillierter und schärfer, während “Fortgeschrittene” eher mittels Regeln Leitplanken setzen, innerhalb derer viel Spielraum herrscht. 

Angesichts der oft grossen Vorbehalte, die bei den “Einsteigern” gegenüber mobil-flexibler Arbeit vorherrschen, und der Selbstverständlichkeit, mit der “Fortgeschrittene” oftmals mobil-flexibles Arbeiten praktizieren, scheinen dies jeweils vernünftige Herangehensweisen zu sein.

Sie bringt für die “Einsteiger” allerdings den Nachteil mit sich, dass die Mitarbeitenden aufgrund enger Regeln noch nicht von allen Vorzügen mobil-flexibler Arbeit profitieren können.

Für “Fortgeschrittene” könnte dagegen zum Problem werden, wie mit einzelnen unerfahrenen Mitarbeitenden umgegangen werden kann, welche eigentlich mehr Regelung benötigen, um sich in der Vielfalt der Möglichkeiten zurecht zu finden.

Führungsgestaltung für mobil-flexible Arbeit

Dass Zielvereinbarungen ein wichtiges Führungsinstrument unter mobil-flexiblen Arbeitsbedingungen sind, ist an und für sich nicht neu. Wichtiger scheint daher die Frage nach dem wie, also nach der konkreten Ausgestaltung von Zielen.

Einige Führungskräfte der Studie setzen dabei eher auf formelle Settings, indem sie regelmässige “Bilas” mit allen ihren Mitarbeitenden durchführen. Andere dagegen betonten, dass die informelle Führung (also gelegenheits- und situationsorientiere Kommunikation mit Mitarbeitenden) wichtiger wird. Hier scheint es, ähnlich wie bei der Technologienutzung, keine einheitlichen Praktiken zu geben.

Stattdessen ist es gerade ein Vorteil, die eigene Führungspraxis unter mobil-flexiblen Bedingungen individuell an sich selbst als Führungskraft sowie an das Team anzupassen.

Viele betonten daher, wie wichtig es sei, immer wieder in bilateralen oder in Teamsitzungen die aktuelle Belastungssituation zu thematisieren.

Werte und Normen für mobil-flexible Arbeit

Insbesondere bei den Steuerungsprozessen legten wir bewusst einen Fokus auf die Ebene der Organisation und fanden dort ebenso deutliche Entwicklungsherausforderungen wie für Mitarbeitende und Führungskräfte. Dies verdeutlicht, dass auch ein Unternehmen als Ganzes sich mit zunehmender Arbeitsflexibilität entwickeln und “reifen” muss.

Dafür ist die Entwicklung und Etablierung einer “FlexWork-freundlichen” Unternehmenskultur essentiell, denn solch eine Kultur kann als “Bindemittel” zwischen verschiedenen Unternehmens- oder Funktionsbereichen fungieren.

Wichtig ist hierbei, dass auch in einer “FlexWork-freundlichen” Kultur es einen Platz geben sollte für diejenigen, die eher in fixen Strukturen arbeiten – sei es, weil sie es nicht möchten oder aufgrund ihrer Arbeitsaufgabe nicht können. Ein Arbeiten “8 to 5” am selben Arbeitsplatz sollte also nach wie vor möglich sein, insbesondere für diejenigen Mitarbeitenden, die dies für sich als die passendste Form gefunden haben.

Solch eine Offenheit gegenüber allen möglichen Arbeitsformen zeichnet denn auch eine “gereifte” mobil-flexible Unternehmenskultur aus.


Auszug aus The NeWoS vom 23. Juni 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

newos_logo

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Ein Kommentar zu Gestaltung von Infrastruktur für mobil-flexibles Arbeiten

  1. Pingback:geekchicks.de » geekchicks am 10.09.2015 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

Schreibe einen Kommentar

Bitte nutze deinen richtigen Namen.