Für manche hat sich die Bedeutung der Arbeit grundlegend verändert

Evernote hat heute mehr als 100 Millionen Nutzer weltweit. 16.000 Unternehmen nutzen Evernote Business. Linda Kozlowski, Chief Operation Officer bei Evernote, gab vor einigen Monaten Tobias Schwarz ein Interview für die Netzpiloten.

Ihr Blickwinkel ist recht interessant, da Evernote entlang der Veränderungen am Arbeitsplatz ihr Produkt iterativ entwickeln. Sie bemühen sich kontinuierlich, die Wissensarbeiter_innen besser zu verstehen und zu unterstützen.

Unter agilen Lean Startup-Gesichtspunkten finde ich einige ihrer Aussagen sehr interessant – ich zitiere hier sehr ausführlich aus dem Interview und markiere einige ihrer Sätze.


LK: Ich denke, die Idee von Arbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich verändert. Ich glaube, ein Teil davon kommt daher, wie sich die Talente verändert haben und die Leute, die arbeiten. Es hat sich von einer Arbeitswelt, in der die Unternehmen sozusagen diktatorisch angegeben haben, was die Angestellten tun sollten, verändert.

Jetzt haben die Angestellten die Möglichkeit, den Tonfall mitzubestimmen und sich die Arbeit nach ihren Leidenschaften auszusuchen. Egal, ob sie jetzt als Teil eines Unternehmens arbeiten oder es als Freelancer tun, was auch immer populärer wird, manche machen sogar ihr eigenes Geschäft auf.

Es gibt heute keine wirklichen Grenzen mehr, die Leute können alles tun. Ich glaube, das bereitet ein einmaliges Arbeitsumfeld, bei dem es weniger um ein fest strukturiertes ‘Nine-to-Five’- oder ‘Nine-to-Six’-Arbeiten geht, wo man zu bestimmten Zeiten vor Ort sein muss. Es geht mehr darum, wann die beste Zeit zum Arbeiten ist und mit welchen Leuten man sich am liebsten umgibt, wer einen jeden Tag neu inspiriert.

(…)

LK: Ich nutze Evernote für beides. Bei mir beginnt es mit der Organisation, ich kann alles finden, aber ich finde den Teil mit der Produktivität für mich am Besten, denn man findet alles sehr schnell.

Wegen unseren Aspekten der Augmented Intelligence, die in das Produkt integriert sind, können wir die gesuchte Information schnell bereitstellen, wenn sie gebraucht wird. Das wird auch weiterhin verbessert.

Wir versuchen also alles, um ein Erlebnis zu schaffen, bei dem man nicht nur die Dinge wiederfindet, sondern auch, sie so aufzubereiten, dass man produktiver sein kann.

(…)

LK: Zuerst einmal, Evernote ist der Ort, an dem wir wollen, dass man den Tag beginnt und beendet. Wir betrachten es als den modernen Arbeitsplatz, an dem man alles erledigen kann. Man kann schreiben, Infos sammeln, man kann alles wiederfinden, was man später braucht und es sogar seinen Kollegen und Freunden zeigen, damit sie verstehen, woran man gerade arbeitet. Das ist ein wichtiger Teil.

Wir wollten einen Ort schaffen, an den man gehen kann, ohne den Kontext verlassen zu müssen. Die Multi-App-Strategie funktioniert hier gut, und der Fakt, dass wir ein Erlebnis schaffen, an das der Nutzer der entsprechenden Plattform schon gewöhnt ist. Statt ein Teil über alle Plattformen hinweg zu entwickeln, haben wir den Windows-Client wie einen Windows-Client aussehen lassen. Jeder, der sich mit Windows auskennt und wohlfühlt, wird sich schnell einfinden. Das selbe auf dem Mac und dem iOS. Sie sehen also alle ein kleines bisschen verschieden aus, weil wir versucht haben, auf jeder Plattform das beste Erlebnis zu schaffen. Wenn man Evernote startet, versteht man intuitiv, wie man die App nutzen soll.

(…)

LK: Für Evernote ist Augmented Intelligence ein wichtiger Teil der Zukunft, und das ist ein Schlüsselaspekt, der uns von anderen Unternehmen unterscheidet. Viele Unternehmen reden über Künstliche Intelligenz, also die Idee, einen Menschen mit einer Maschine zu ersetzen.

Wir denken, dass es wichtiger ist, dass Menschen und Maschinen zusammenarbeiten, und wir glauben, dass das der beste Weg ist, um erfolgreich zu sein und Dinge anzukurbeln. Also nennen wir es Augmented Intelligence, denn es ist immer ein Mensch beteiligt. Wir wollen, dass die Technik den Menschen klüger macht, beinahe übermenschlich, sie sollen alles machen können, alles aufrufen können, produktiver sein, viel produktiver als sie alleine oder nur eine Maschine je sein könnten.

Das Besondere an Augmented Intelligence ist, dass es für den Nutzer gedacht ist. Viele Unternehmen reden davon, dass sie viele Daten haben und diese Daten nutzen, um Profit daraus zu schlagen, Werbeplattformen bedienen und solche Dinge. Die Menschen haben keine Kontrolle mehr über ihre Daten und wollen nicht, dass sie so genutzt werden.

Unser Augmented-Intelligence-Programm ist dafür gedacht, die besten Suchergebnisse zu finden, die besten Erlebnisse bei den Aufzeichnungen zu haben, den besten Kontext geboten zu bekommen, so dass man alle Informationen da hat, aber die Daten nicht herausgegeben werden. Das ist also ein wenig anders, als die meisten Leute ihre Nutzerdaten betrachten.

Wir betrachten unsere Nutzerdaten als etwas sehr privates, sie gehören den Nutzern. Wir suchen nicht nach anderen Nutzungsmöglichkeiten, aber wir nutzen Augmented Intelligence, um die Daten noch relevanter für ihre tägliche Produktivität werden zu lassen.

(…)

LK: Wir glauben an ein einfaches Geschäftsmodell. Wir bauen eine App, machen daraus die bestmögliche Version und die Leute zahlen Geld, um sie zu nutzen. Es ist sehr sauber, direkt und transparent für die Nutzer. Wir könnten natürlich auch die Daten durchsuchen und nutzen, aber das würde bedeuten, dass die Nutzer vielleicht weniger Informationen in Evernote eingeben würden, weil sie der Plattform nicht mehr vertrauen würden. Es ist also lohnender für uns, sehr klar und deutlich zu sagen, was wir bauen und wofür die Leute zahlen, anstatt die Daten am Ende noch zu Geld machen zu wollen.

(…)

LK: Ich denke, das Interessanteste bei Evernote ist, wie wir Design in das Konzept des Alltags integriert haben. Wenn man über Apps für mehr Produktivität redet, denken viele Leute an die Standards, an die sie gewöhnt sind, wenn sie einen Job in einem neuen Unternehmen anfangen. Meistens sind sie nicht sehr begeistert und oft irgendwie langweilig.

Evernote packt viel Aufwand in das Erlebnis, das dafür designed ist, dass man produktiver sein kann. Denn je mehr man es genießt, ein Produkt für sich und sein Team zu benutzen, desto mehr verpflichtet man sich diesem und umso mehr wird man erfolgreich sein.

Ich denke, es gibt viele Unternehmen, die ein Konzept erstellen, bei dem man sich auf das Design-Erlebnis konzentriert, das die Menschen noch produktiver werden lässt, und nicht nur ein Stück Software. Das beinhaltet, alles vom ergänzenden Gerät, das man benutzt bis hin zum Trend der Wearables, der gerade angefangen hat. Wie wir mit all diesen Erlebnissen arbeiten und die Menschen nicht nur produktiver machen wollen, sondern dass sie auch genießen, produktiver zu sein.


Was bedeutet dies für Klein-Unternehmen?

Disclaimer: Es handelt sich hier nicht um eine Evernote-Werbung, sondern deren Blickwinkel ist interessant.

  1. Auch im Silicon Valley gibt es zusehends Geschäftsmodelle, die verstanden haben, Big Data zwar zugunsten der User Experience zu nutzen, nicht aber, um sie an Drittanbieter zu verkaufen.
  2. Es gibt immer mehr “Apps”, die versuchen, als Schaltzentrale für dezentrale Dienste sich aufzubauen, was die persönliche Übersicht erleichtert.
  3. Wenn Erwerbstätige selbst gut organisiert sind, kann man als Unternehmen tatsächlich projektbezogen jeweils mit den Besten flexibel zusammen arbeiten.

Auszug aus The NeWoS vom 16. Juni 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Ein Kommentar zu Für manche hat sich die Bedeutung der Arbeit grundlegend verändert

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