Flexiworker (#VUCA VI/4)



Die verpassten Anschlüsse

(c) Frits Ahlefeldt - http://hikingartist.com/

(c) Frits Ahlefeldt – http://hikingartist.com/

Die Webökonomie schafft in immer kürzeren Zyklen eine größere Reichweite. Für Jeremy Rifkin wird dieser Trend durch den Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft noch weiter beschleunigt. In der Dienstleistungsgesellschaft entstehen mehrheitlich nur noch Jobs mit begrenzter Haltbarkeit und die digitale Ökonomie steht ganz unter dem Zeichen der „free labor“, was eine hehre Umschreibung für Netzsklaverei ist.

Und wie steht‘s um die deutschen Industrieexporte? Sie werden spätestens in fünf Jahren entweder in den Schwellenländern hergestellt oder dort direkt durch bessere und billigere Produkte verdrängt werden.

Für den europäischen Arbeitsmarkt sind sie nur noch kurzfristige Arbeitsbeschaffungsmodelle, denn die Gesetze des flexiblen Kapitalismus, der Globalisierung und der Webökonomie diktieren auch den deutschen Unternehmen ihre Strategien auf. Den Grossunternehmen steht eine ganze Palette neuer Business Lösungen zur Verfügung und unter dem Strich sind sie die eigentlichen Nutzniesser der globalisierten Märkte, der digitalen Ökonomie und der Freizügigkeitsregeln.

Sie agieren meist nur noch projektbezogen und im Verborgenen hinter einer Kette von Subunternehmern, Jobagenturen, Online-Plattformen, Zeitagenturen, die für sie bringen die Menschen in kurzfristige Arbeitsverhältnisse und Projektsegmente zusammensuchen. Auf dem Arbeitsmarkt 21 sind die Arbeitnehmer als Masse, egal wie sie sich benennen und egal wie „frei“ ihre Arbeit ist, die eindeutigen Verlierer.

Das Arbeitsvolumen schrumpft und damit auch das Einkommen der Masse. Das betrifft in Deutschland zwar offiziell knapp eine Million Zeitarbeiter, etwa 3,7 Millionen Unterbeschäftigte und über eine Million temporärer Mitarbeiter. Aber 7,4 Millionen Menschen würden gerne mehr arbeiten und vor allem mehr verdienen.

Der Anstieg der Freiberufler und Kleinstunternehmen ist somit auch ein Indikator der VUCA-Arbeitswelt. Dahinter stehen aber selten Berufseinsteiger, sondern meist nur die „aussortierten Festangestellten“ der Unternehmen oder die Serial Startups, die mit ihrer Idee oder Produkt nicht schnell genug den Durchbruch schafften.

Wie lauten die Prognosen?

Die klassische Festanstellung stirbt aus und jeder zweite Angestellte wird in den nächsten Jahren in den Fleximodus überwechseln. Damit ist nicht nur die temporäre Kurzarbeit gemeint, sondern auch die temporäre Mitarbeit. Die allgemeine Wirtschaftslage verschlechtert sich und die Unternehmen können so die Betriebskosten senken und Ballast loswerden.

Für die temporären Mitarbeiter dagegen steigen die Produktivitätsauflagen. Das Workforce Marketing mit seinen vielen neuen Zusatzleistungen ist hier nur die Spitze des Eisbergs. Auf den Freelancer kommen ständig neue unternehmerische Auflagen zu, denen er nur entkommen kann, wenn er sich als crowdguru auf einer Online-Plattform vermarkten lässt.

Deutschland schien bislang noch im Abseits dieses Trends zu liegen, denn im Vergleich zu den meisten Nachbarn, ging es der Wirtschaft bislang noch verhältnismäßig gut, den deutschen Exporten ebenfalls. Der deutsche Staatshaushalt ist endlich wieder im Gleichgewicht.

Aber was zeigt der Blick hinter die stolzen Zahlen?

41,9% der deutschen Exporte entfallen auf Autos, Maschinenbau und Chemie. Die deutsche Industrie rangiert auf Platz 3 der weltweit grössten Rüstungsexporteure und ist weiter Chemie-Exportweltmeister.

Rüstungsexporte, Chemieprodukte und Automobile sind zweifellos kurzfristig immer noch profitabler als Investitionen für erneuerbare Ressourcen. Sie beschäftigen in ihren Zulieferketten auch noch viele Menschen hierzulande. Aber es sind kurzsichtige und kurzfristige Modelle. Spätestens in fünf Jahren werden die in den Schwellenländern besser, billiger und schneller produziert werden, wahrscheinlich sogar in Joint Venture mit den deutschen Unternehmern, aber nicht mehr mit deren Beschäftigten.

Rüstungsexporte, Chemieprodukte und teure Automobile gehen nicht in die Richtung der Dritten Industriellen Revolution, die neue und andere Arbeitsmodelle schaffen könnte.

Makers, kreative Tüftler und Frugal Innovators haben hier nicht ihren Platz und für die Grassroot Theorien von Edmund Phelps gibt es hierzulande wenig Empathie, dafür aber viel Interesse für die Industrie 4.0, die lernenden Maschinen und das Internet der Dinge. Die aber machen den homo laborans ebenso überflüssig, wie einst die Maschinen die Weber, Schneider, Tischler und Arbeiter.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing. Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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