Die zwei Seiten der On-Demand Economy

“Unsere zukünftigen Arbeitsplätze werden zunehmend von Apps und Algorithmen gemanagt. Ermächtigt Technologie die Arbeitnehmer_innen oder macht sie sie zu hilflosen Rädchen in einer profitorientierten Unternehmensmaschinerie?”

So startet Tim O’Reilly seinen Mention-Beitrag Workers in a World of Continuous Partial Employment zu den zwei Seiten der On-Demand-Ökonomie. Ich habe Auszüge übersetzt und teilweise zusammen gefasst.


Die eine Seite: Wir bestellen per Knopfdruck Essen, Taxis, Bücher usw. – die andere Seite: mit demselben Knopfdruck ordern wir die flexible Arbeit von Menschen, die uns just-in-time dieses Angebot zukommen lassen.

CC BY Frits Ahlefledt: Creating Solutions

 (C) Frits Ahlefledt: http://hikingartist.com

Tieferliegend hat sich ein grundlegender Wandel im Arbeitsmarkt vollzogen: Statt wie früher mit einem stabilen Stamm an Voll- und Teilzeitkräften den Bedarf eines Unternehmens abzudecken, kann heute auf der Basis von Job-Plattformen aus einem viel größeren Pool an Arbeitskräften gewählt werden.

Für viele Niedriglohn-Arbeiter_innen in großen Unternehmen bedeutet dies heute, dass eine sehr ausgefeilte Software die Aufgaben in solch kleine Portiönchen unter- und verteilen kann, dass für die einzelnen Arbeiter_innen kaum vollumfängliche Arbeitsstunden zusammen kommen. Und das bedeutet in den USA: Keine Verpflichtung seitens des Unternehmens, in die sozialen Sicherungssysteme einzuzahlen.

Genau diese Art, Software seitens des Managements (aus)zunutzen, um teure soziale Leistungen einzusparen, sei aber der falsche Weg der On-Demand-Ökonomie, der v.a. von traditionellen Firmen eingeschlagen würde, so O’Reilly.

Im Gegensatz dazu agiere die sog. Next Economy, die Software nutze, um Angebot und Bedarf von Arbeitsleistungen just-in-time zusammenzubringen. Diese Daten stünden Managern und Arbeitern zugleich zur Verfügung, so dass Einzelne die Freiheit hätten, selbst zu entscheiden, wann und wieviel sie zu arbeiten wünschten.

[Anm. acw: Das ist eine sehr positive Interpretation des freien Clickworker-Unternehmertums, aber gut. Schauen wir, wie O’Reilly weiter argumentiert.]

OK, O’Reilly gesteht ein, dass auch die Vertragsarbeiter-Jobs der Next Economy weit entfernt seien von dem, was bislang als ein “good job” galt. Aber die sogenannte “Gig Economy”, also das Hangeln von Job-Gig zu Job-Gig, träfe leider auch auf viele Niedriglöhner in den traditionellen Branchen zu. Und dort dann ohne jedwede Chance, das eigene Engagement flexibel zu handhaben und wenigstens die Familien-Angelegenheiten mit in den Alltag zu integrieren.

[Anm. acw: Was die Unsicherheiten bei den Vertragsarbeitern ja auch nicht besser macht.]

Als Lösung des sozialen Problems zeigt er verschiedene Ansätze auf, die offensichtlich derzeit in den USA diskutiert werden:

Das reicht von der Etablierung einer 3. arbeitsrechtlichen Kategorie zwischen dem “Vertragsarbeiter” und dem “Angestellten”: Der “abhängige Vertragsarbeiter” könnte z.B. einige Vorteile der unabhängigen Vertragsarbeit mit den Sicherheiten eines Angestellten verbinden.

Eine andere oder ergänzende Variante wäre es, auch die Sozialleistungen algorithmisch zu koordinieren. Die Leistungen könnten per Software über verschiedene Arbeitgeber verhältnismäßig eingesammelt werden, unabhängig von der Anzahl der geleisteten Stunden pro Auftrag- oder Arbeitgeber.

[Anm. acw: Die Argumentation bei O’Reilly folgt zwar dem US-amerikanischen Modell, lässt sich aber in etwa auch auf das deutsche System übertragen.]

Was bedeutet dies für KMU?

Wenn man sich diesem Gedankengang einen kurzen Moment anschliessen möchte, befreit es vielleicht auch hiesige Unternehmer_innen zumindest gedanklich und perspektivisch von den starren Arbeitsplatz-Regelungen, die derzeit herrschen.

Mir ist bewusst, dass diese Argumentation gerne von Verfechtern der alten Welt in die Nähe des Liberalität gerückt wird. Ich sehe es eher als transformatives Denken. Wenn sich sämtliche Variablen drehen, dann müssen auch soziale Errungenschaften neu gedacht werden. Nicht im Sinne einer Abschaffung sozialer Sicherheiten, sondern mit dem Anspruch, die nächste Lösung besser an die Erfordernisse unserer Zeit anzupassen.

O’Reillys Darlegung zeigt mir erstmals eine mögliche Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen auf. Ob sie realistisch, fair oder sinnvoll ist, gilt es abzuwägen und zukünftig zu diskutieren. Aber dies wäre dann ein transformativer Diskurs und kein rückwärtsgewandter Verteidigungskampf.


Auszug aus The NeWoS vom 8. September 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

Ein Kommentar zu Die zwei Seiten der On-Demand Economy

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