Die klammheimliche Revolution #VUCA (II/05)



“..nur kein Aufsehen erregen!”

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Wie kam es zu der schleichenden Zerlegung des sozialen Arbeitsmarktes unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit der schweigenden Duldung der Sozialpartner und der Betroffenen?

Indem man schon in den 80er Jahren begann, still und diskret das ganze Betriebssystem der Unternehmen auszuwechseln, lange bevor Peter Hartz 2003 in Deutschland den Arbeitsmarkt umkrempelte und Frits Bolkestein den EU-Arbeitsmarkt in den Transitverkehr brachte. Beide galten als Vordenker und Vorreiter der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts.

Peter Hartz wurde für seine Demontage der kontraproduktiven Verhältnisse auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und Frits Bolkestein bekam für seine Freizügigkeitsdirektiven den Doctor honoris causa an mehreren europäischen Universitäten.

Weniger Bürokratie, flache Hierarchien galten auch bei der Belegschaft als fortschrittlich und innovativ. Dass damit auch die Reduzierung des Mitarbeiterstamms auf einen kleinen Kern verbunden war und betriebsinterne Bereiche auf eine segmentierte Zulieferkette verteilt wurden, war dem Management klar. Betriebswirtschaftlich sind diese Prozesse logisch und überzeugend.

So kam klammheimlich die Revolution auf dem Arbeitsmarkt in der westlichen Welt voran. Natürlich gab es auch lokale verzweifelte Protestaktionen seitens der Belegschaften, wenn wieder einmal eine größere Produktionseinheit stillgelegt oder ein Unternehmen geschlossen oder verlegt wurde. Bei diesen Gelegenheiten konnten die Beschäftigten noch als Masse auftreten und ihren Unmut und ihre Ratlosigkeit vor den Kameras ausdrücken. Aber diese momentane, mediale Aufmerksamkeit änderte nichts an den Fakten. Wenn das Unternehmen nicht mehr rentabel oder die Arbeit woanders billiger ist, muss es verschwinden. Die Konzerne sind dabei die größten Gewinner und die aktivsten Jobkiller.

Die Auslaufmodelle der Massenproduktion werden weiter durch kleine Produktionsarchipele ersetzt und möglichst auf die ganze Welt verteilt, überall dort, wo die Nachfrage steigt. Die Absatzmärkte und Produktionsstätten zusammenzulegen, um somit auch den CO2-Ausstoss zu reduzieren, ist ein bestechendes umweltfreundliches Argument. Dafür gibt es sogar noch Subventionen. Außerdem sind die Auflagen für die Verwendung von Ressourcen, Humanressourcen inbegriffen, in den Schwellenländern immer unternehmensfreundlicher als in den sozialen Marktwirtschaften Europas.

Den größten Vorteil hat jedoch das obere Management: „Inselketten sind von oben her viel überschaubarer als kompakte Silos oder Pyramiden,“ so Peter Drucker.

Die Meilensteine dieser klammheimlichen Umkehrung aller Werte markieren nicht nur den lautlosen Übergang in den temporären Modus. Auch in den kleinen semantischen Feinheiten erkennt man die Demontage aller sozialen und legalen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts auf dem Arbeitsmarkt 21:

  1. 2002 brachte die Ich-AG böse Schlagzeilen und galt als Unwort des Jahres.
  2. Zehn Jahre später wurde daraus ein Solo-Unternehmer, ohne dass irgendjemand nachgefragt hätte, welche Konsequenzen das mittelfristig für den Einzelnen und den Sozialstaat haben könnte.
  3. Seit fünf Jahren nimmt der virtuelle Mitarbeiter einen immer größeren Platz in den Unternehmen ein.
  4. Die unfreiwillige Zeitarbeit betrifft inzwischen schon etwa fünf Millionen Erwerbstätige in Deutschland.

Über die steigende Zahl der Freiberufler freuen sich die Regierung und der BDI, denn Freiberufler, Startups, Firmengründer und Entrepreneurship liegen dem Staat und den Unternehmen nicht mehr auf der Tasche. Das wird zwar nicht so krass und offen formuliert, aber entspricht den Tatsachen.

Zudem sind sie besonders kreativ, innovativ und umtriebige Leistungsträger und Lösungsfinder, um selbst zu überleben. Sie sind wie die Pioniere, die einst in Europa gen Osten oder gen Westen geschickt wurden, angeblich um dort Neuland zu erobern und zu vermessen.

Dass die meisten der neuen Selbstständigen nur das letzte Glied einer Kettenreaktion sind und als Mikrounternehmer ziemlich allein auf freiem Feld kämpfen, steht jenseits der guten Nachrichten.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing. Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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