Der atomisierte Arbeitsmarkt #VUCA (II/03)



Mit Netz und doppeltem Boden

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Mit Ausnahme der 20 deutschen Spitzenunternehmen, die nur noch knapp 5% der Erwerbstätigen direkt beschäftigen, werden Unternehmen in kleine Einheiten zerlegt und so abgespeckt, dass oft nur noch die Führungsebene und die Kernaktivitäten übrig bleiben. So sind sie mobil, flexibel, schlank und auf den VUCA-Märkten immer agil. Und was ist die Folge?

Es ist noch lange nicht das Ende der Arbeit wie es der amerikanische Ökonomist Jeremy Rifkin vor zwanzig Jahren angekündigt hatte, aber der Arbeitsmarkt geht weltweit mit Riesenschritten auf die 20:80 Gesellschaft zu, in der nur noch 20% einen sicheren und gut bezahlten Job haben, der sie ein Leben lang begleitet. In den USA arbeitet laut offizieller Zahlen schon jeder dritte im Freelance. Inoffiziell liegt die Rate wahrscheinlich viel höher, nicht nur in den USA.

Mit dem permanenten Fitnesszwang der Unternehmen hat sich der Arbeitsmodus in den letzten Jahrzehnten überall verändert.

Aus langfristig wird kurzfristig und aus Festangestellten werden temporäre Mitarbeiter, Zeitarbeiter, Leiharbeiter, Selbstunternehmer, Ich-AGler, Freelancer, Zuarbeiter oder Hybride. Hybride sind nicht nur die Studenten mit Nebenjobs, sondern auch die vielen Scheinunternehmer, Selbstständigen mit Teilzeitverträgen und freischaffende Journalisten, Dozenten, Kreative, die aufstocken oder Teilzeitstellen mit digitaler Heimarbeit verbinden und die slashers. Slashers haben gleich mehrere Kompetenzen, die sie gleichzeitig oder abwechselnd ausüben. Je nach Nachfrage und oft aus Neigung. Das verschafft diesen neuen Freelancern mehr Freiheiten und bringt sie nicht unbedingt in die Abhängigkeit von Online-Jobbörsen.

Immer mehr Unternehmen lagern interne Prozesse aus und umgeben sich mit einem lockeren Netz aus temporären Mitarbeitern, die zeitnah und marktgerecht je nach Auftragslage beschäftigt werden. Die Industrie braucht zwar weiter dringend Fachkräfte. Da aber gerade temporäre Wissensarbeiter immer häufiger spezifische und hochaktuelle und vor allem ständig aktualisierte Kompetenzen mitbringen müssen, gehen die Unternehmen dazu über, auch diese qualifizierten Wissensarbeiter, Manager und Projektleiter auszulagern oder nur noch mit befristeten Werkverträgen hinzuzuziehen.

Die Großunternehmen jedoch haben den permanenten Zugriff auf die global worker, die die Kompetenzen 2.1 aufbringen. Sie können sie sich auch da beschaffen, wo sie am preisgünstigsten sind.

Aber auch die kleinen und mittleren Unternehmen benötigen zunehmend Fachkräfte, die digital fit sind und aktuelle Fachkenntnisse mitbringen. Wenn sie in der 4. Industriellen Revolution dabei sein wollen, brauchen sie dafür die passenden Experten, die schon die Kompetenzen im Vorfeld einsatzbereit mitbringen. Für die kommende Industrie 4.0 ist aber das Bildungssystem im endgültig im Verzug und die Unternehmen werden sich diese Kompetenzen woanders beschaffen müssen.

Wo findet ein Kleinunternehmer in Eberswalde qualifizierte Mitarbeiter, um die technologischen Potentiale der Industrie 4.0 in seinem Unternehmen zügig umzusetzen? Sicher nicht beim örtlichen Jobcenter, sondern überregional, grenzübergreifend im Schmelztiegel der globalen Vernetzungen. So erklärt sich auch der Widerspruch zwischen den stagnierenden Arbeitslosenzahlen und den dringend gesuchten Fachkräften, die es aber nur jenseits der veralteten Strukturen gibt. Das sind seit einem Jahrzehnt die Sozialen Netzwerke für Business und im Internet. Auf diesen virtuellen Business-Foren gibt es außerdem all das, was im Arbeitsalltag der Kurzfristigkeit abhanden kommt, aber alle immer dringender brauchen: Netzwerken, Kontakte pflegen, auf dem Laufenden bleiben!

Netzwerke und Wissensaustausch wurden nicht von der Webökonomie und den Sozialen Netzwerke für Business erfunden. Geschäftsbeziehungen entwickelten sich schon immer durch den regelmässigen Austausch von Informationen und Meinungen und vor allem im zwanglosen, aber konstanten Dabeisein. Der Arbeitsmarkt des 20. Jahrhunderts wurde nach dem europäischen Debakel zügig an die amerikanischen Managementtheorien angepasst. Auch die Sozialen Netzwerke für Business enthalten das smarte Denken und Handeln des American Way of Living and Working.

Die Business Communities 2.0 der Sozialen Netzwerke sind im Gegensatz zu den traditionellen Business-Netzwerken, Clubs und Verbänden public domain. Ihre Türen sind immer offen für all jene, die sich von den Begriffen wie business, professional, und working life betroffen fühlen. Es weht ein Hauch von Freiheit und Gleichheit und die Brüderlichkeit wird durch den „community spirit“ ersetzt. Es sind eigentlich die Merkmale der Zeiten im Umbruch. Alles scheint möglich, zugänglich und leicht und machbar. Mit diesen Komponenten entwickelt sich auch das informelle Arbeitsmarketing 2.0 und die Sozialen Netzwerke für Profis haben daraus ein Milliardengeschäft entwickelt.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


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ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing. Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

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