Das Ende aller Werte #VUCA (II/01)



Arbeit als Befreiung?

vuca_kap2Das Wort Arbeit bleibt im Deutschen historisch und philosophisch vorbelastet. Doch auch travail oder labor werden weiter mythisiert und regelmässig noch einmal alljährlich am 1. Mai gefeiert, obwohl es eigentlich keinen Grund mehr zum Feiern gibt. Die traditionellen Aufmärsche sind eine Farce und die offiziellen Reden werden zu einem rituellen Spiegelgefecht, das niemand mehr ernst nimmt. Hauptsache, der Tag der Arbeit bleibt weiter arbeitsfrei. Der Arbeitskampf ist auf der Arbeitnehmerseite schon verloren und das wissen alle. Über die Bedeutung und den Sinn der menschlichen Arbeit haben Soziologen und Philosophen in den vergangenen Jahrhunderten schon viel geschrieben: Arbeit als Zwang, Arbeit als Freiheit, Arbeit als Selbstverwirklichung, Arbeit als unersetzbarer Sozialisierungsprozess, Arbeit als Werteinheit, Arbeit als Wertschätzung oder Arbeit als gestohlene Zeit und Entfremdung. Dass die Arbeit keine Ware sein darf, versuchen einige Gewerkschafter noch immer zu widerlegen und die Parteien zu Wahlzeiten wieder mediengerecht aufzubereiten. Bei jeder industriellen Revolution steht neben der Forderung nach mehr Freiheit die konkrete Frage der Arbeit. In der Französischen Revolution stand hinter den Forderungen nach liberté, égalité auch das Bedürfnis nach unbegrenzter Arbeitsfreiheit. Es ging der Masse nicht so sehr um die Meinungsfreiheit oder gar um Demokratie. Viel wichtiger war den Menschen damals, den Arbeitsmarkt vom lästigen Zunft- und Ständezwang und den vielen unzeitgemäßen Regeln zu befreien, die bei einer wachsenden Bevölkerung Millionen Menschen zu Tagelöhnern, Vaganten oder zu Migranten machten und in den wachsenden Städten zu Engpässen führten. Die Zersprengung der traditionellen Ständegesellschaft war das eigentliche Werk der ersten politischen Revolution der Neuzeit. Nicht die Vertreibung der Adligen oder der Kirchenfürsten brachte frischen Wind in die alten Strukturen, sondern die Befreiung der Arbeit von den Zunftzwängen. Durch diesen Paradigmenwechsel konnten sich die Erfindungen, Ideen und Innovationen des 18. Jahrhunderts im 19. Jahrhundert erst frei entfalten. Plötzlich entstanden ganz neue Kompetenzraster und Berufsbilder. Die erste industrielle Revolution im 19. Jahrhundert zerstörte allerdings Jahrzehnte später Millionen Arbeitsplätze in den Werkstätten der Handwerker, was Josef Schumpeter als notwendige „schöpferische Zerstörung“ betrachtete. Sie verlängerte jedoch allmählich die Lebenserwartungen der Zeitgenossen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Festanstellung oder sogar die Lebensstellung in einem Unternehmen oder innerhalb einer Institution zum Inbegriff der sozialen Sicherheit. Sie verschaffte den Zugang zum stetigen Wohlstand. Das 20. Jahrhundert schuf den Salaryman, den Archetyp des Angestellten, der im Anzug und mit Aktentasche jeden Tag ins Büro fährt und damit einen sozialen Status bekommt, aber Arbeiten macht, deren Sinn und Zusammenhang er nicht mehr überschaut. Er trägt zwar einen Anzug und ein weisses Hemd, macht sich auch nicht mehr die Hände schmutzig. Trotzdem war auch dieser Wissensarbeiter nur ein Prozessvollzieher. Eigeninitiative, Kreativität und selbstbestimmtes Arbeiten passten nicht ins Prozessmanagement, das alle deutschen Unternehmen freudig von den amerikanischen Vorbildern übernommen haben. Sie beruhen alle auf dem Mythos des energischen Managements, das bedingungslose Unterwerfung seitens der Belegschaft fordert. Auch damit ist es in der VUCA-Welt vorbei. Komplizierte und langatmige Prozesse werden schnell von den Technologien überholt. Mobile Mikrostrukturen erfordern ein konsequentes Umdenken. Der Salaryman ist ein Auslaufmodell. Ende des 20. Jahrhunderts dezimierte die Automatisierung zuerst die Arbeiterklasse und einige Jahrzehnte später die Kaste der Büroangestellten. Millionen Jobs verschwanden vom Arbeitsmarkt und Millionen Jobs entstanden ein Jahrzehnt später durch die digitale Revolution und ihre Kinder. Sie gehören zur Generation der Makers, der Entwickler und Vernetzer von Ideen und Ansätzen, die die Technologien immer weiter voran treiben. Was das Business 2.0 im Einzelhandel schon revolutioniert hat, war nur der Anfang der Webökonomie. Auch die Industrie 4.0 wird weiter Arbeitsplätze zerstören. Der Wettlauf mit den Maschinen, so die MIT-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, ist schon verloren. Der homo laborans muss sich neue Arbeiten und Aktivitäten suchen, bei denen er sein humanes Alleinstellungsmerkmal beweisen kann und die nicht von Maschinen gemacht werden können. Das gilt für das untere Segment der Handwerker oder Handarbeiter ebenso wie für das mittlere Segment der Wissensarbeiter. Ihr Wissen ist nicht nur durch das Internet und die Beschleunigung gefährdet, es ist gar nicht mehr gefragt. Ein Beispiel hierfür sind die aktuell noch hoch dotierten SEO-Analysten. Die neuen Kommunikationstechnologien, allen voran die Algorithmen, die sie mit ermöglichen, haben aber noch eine andere immaterielle Effizienz:

  • Sie überholen in ihrer Beschleunigung auf ganz unblutige Weise Regeln, Bestimmungen und Gesetze, die langsam und oft mühselig entstanden und in Demokratien nicht mehr so leicht abzuschaffen sind.
  • Sie entwickeln sich in Freiräumen, die von den Gesetzen gar nicht erfasst werden.

Der Arbeitsmarkt wurde nämlich von der Politik und der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten entgrenzt und zum gesetzlichen Vakuum, in dem sich das Neue einrichten konnte. Die Technologien schaffen schneller neue Tatsachen, als das Bewusstsein der Zeitgenossen sie begreifen und die Gesellschaft sie in ihre Strukturen einarbeiten kann. Das zeigt sich besonders am Arbeitsmarkt.


“The Internet of everything changes everything.” John Chambers, Chairman and CEO of Cisco.


  • Stay tuned

    Der nächste Auszug folgt demnächst.


EXKLUSIV auf ununi.TV

Wer über Updates und den genauen Erscheinungstermin des Buches zur VUCA-Welt informiert werden will, sollte sich hier eintragen.

ÜberAngelica Laurencon

Dr. Angelica Laurencon lebt und arbeitet in Berlin und Clermont-Ferrand als Mentorin und Unternehmensberaterin. Als Dozentin
für internationale Masterstudiengänge im Internationalen Management gibt sie ihr Praxiswissen an die zukünftige Managergeneration weiter und begleitet sie als Mentorin für Community Management, Learning Management Systems und Workforce Marketing.

Sie ist Gesellschafterin und Mitbegründerin von connect2communicate und Expertin für Wissenstransfer 2.0 und Learning Management im interkulturellen Kontext.

Schreibe einen Kommentar

Bitte nutze deinen richtigen Namen.