Black Box Deutschland & Österreich

Das Netz als umfassender, komplexer Lernort ist zwischenzeitlich als solcher weitgehend anerkannt. Jetzt haben wir es in Deutschland und Österreich mit einer kuriosen Situation zu tun. Wir sind nämlich vom Rest der Netz-Welt bildungstechnisch im wahrsten Sinne abgetrennt. Warum, beschreiben wir jetzt. Wir haben das eben mit dem ununitv-Team getestet, weil wir das Ergebnis bereits vermuteten.

Fabian startete aus den USA einen Google Hangout on air. Wolfgang gesellte sich aus Österreich hinzu.

In einen Hangout passen bekanntlich 10 aktive Teilnehmer/innen. Weitere lassen sich dann über die “on air”-Funktion über YouTube zum Livestream einladen. Wolfgang selbst konnte den von Fabian aktivierten Livestream auf Youtube sehen. Ich (Anja), in Deutschland sitzend, folgte dem Link und sah das vertraute Bild:

Allerdings könnte ich mir jetzt die Aufzeichnung auf Youtube anschauen, wenn das Hangout denn archiviert wurde (was wir nicht getan haben).

Um das Szenario zu Ende zu testen, gelang es mir schließlich, über den Safari-Browser in das Hangout selbst einzusteigen (hierzu liegt mir kein Screenshot vor) und ganz normal dort zu kollaborieren.

Fassen wir zusammen

  1. Hangouts lassen sich von allen Menschen problemlos anlegen und mit bis zu 10 Personen kollaborativ nutzen.
  2. Das Livestreaming der Hangouts mit der von Google bereit gestellten on air-Technologie funktioniert in allen Ländern weltweit, außer wenn man den Livestream aus Deutschland oder Österreich starten möchte. Die on air-Funktionalität ist hier gesperrt.
  3. Wenn “On air” aus einem anderen Land aktiviert wurde, können weiterhin alle Menschen an den Hangouts aktiv teilnehmen und sich über diesen Weg in alle Welt live streamen lassen.
  4. Als passive/r Zuschauer/in können Menschen in Österreich den Livestream auf Youtube verfolgen, der in anderen Ländern gestartet wurde – in Deutschland funktioniert auch diese Option nicht!
  5. Die archivierte on air-Aufzeichnung lässt sich wieder aus allen Ländern anschauen – selbst aus Deutschland. 

Fazit für die “Bildungsrepubliken” Deutschland und Österreich

Während alle Welt sich weltweit über Google Hangouts on air LIVE und kostenfrei miteinander austauschen und kollaborativ miteinander arbeiten kann, gucken deutsche ZuschauerInnen in die Röhre und können sich schließlich das fertige Produkt asynchron anschauen. Also werden wir in die klassische Konsument/innen-Rolle gedrückt. In Österreich ist die Situation nicht ganz so verschärft: Dort darf man wenigstens aktiv an den Live-Diskussionen teilhaben, wenn jemand anderes das Angebot unterbreitet. Ein aktiver Bildungsdiskurs sähe meines Erachtens für alle Beteiligten anders aus. (Im Übrigen befinden wir uns in guter Gesellschaft: Auch China, Iran, Syrien gestatten keinen weltweiten Austausch, alle anderen schon – siehe hier.)

Fazit für ununi.tv

Wir haben zwar mit ununi.tv eine allseits hochgelobte, liquide Plattform aufgezogen, in der alle thematisch Interessierten problemlos sich miteinander austauschen und weiterbilden könnten. Aber alte gesetzliche Regelungen grätschen uns aus (der Rundfunkstaatsvertrag erlaubt keine Angebote, mit denen zeitgleich mehr als 500 Personen potentiell erreicht werden könnten – dafür braucht es eine Sendelizenz). Wenn wir also ein qualifiziertes Hangout mal einfach schnell streamen und/oder aufzeichnen möchten, funktioniert dies nicht, weil offenbar Google das für Deutschland und Österreich gesetzestreu unterbunden hat. So wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein mit ununi.tv identisches Angebot in einem anderen Land gestartet wird und sich über diese Plattform dann alle Menschen global austauschen können (außer den Österreichern und den Deutschen). Wie toll!

Btw: Es existiert bereits eine ununitv-Kopie in San Francisco, die unser Konzept aufgegriffen hat – allerdings noch in das klassische Top-Down-Lehrenden-Lernenden-Korsett geschnürt (mehr Werbung mache ich hier nicht dafür). Unser basisdemokratische Konzept ist bislang noch einmalig …

Btw2: Machen wir uns eigentlich strafbar, wenn wir über ununi.tv eine Lehreinheit durchführen, wie man sich per VPN über ein anderes Land ins Internet einwählt, um an dem globalen Wissensaustausch partizipieren zu können?

ÜberWolfgang Gumpelmaier

Wolfgang Gumpelmaier (Mag.) ist selbstständiger Digital Media Consultant (gumpelmaier.net), Blogger, Autor und Vortragender und Crowdfunding-Berater. Er betreibt u.a. das Beratungs- und Infoportal www.crowdfunding-service.com und beschäftigt sich außerdem mit Themen wie Social Media, Social Film Marketing, Crowdsourcing und Online-Kollaboration. Als Team-Mitglied von www.ikosom.de hat er sich ebenfalls dem Themenbereich Crowdfunding verschrieben und spürt als TrendScout bei TrendOne aktuellen Entwicklungen des digitalen Lebens nach (www.trendone.de). 2011 gründete er mit KollegInnen die Plattform www.ununi.tv, die 2013 als „Crowd University for Modern Life“ neu gelauncht wurde. Im Rahmen seines Online-Crowdfunding-Workshops begleitet er dort angehende Crowdfunder bei ihrer Projektvorbereitung. Zudem interviewt er im Crowdfunding-Talk regelmäßig erfolgreiche Crowdfunder.

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