Bildungsstudien allüberall

Das BMBF formuliert heute in einer Pressemitteilung unter der Überschrift Beleg für die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungswesens:

Deutschland ist auf einem guten Weg zur Bildungsrepublik. Das zeigt der Bericht “Education at a Glance / Bildung auf einen Blick 2012”, den die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) am 11.September 2012 gemeinsam mit der OECD vorgestellt haben. (…) 

Je höher der Bildungsstand, desto höher das individuelle Einkommen sowie der gesellschaftliche Ertrag und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko.

Diese positive Bestandsaufnahme des Ministeriums teilen nicht alle Interpret/innen der Studie. Die Süddeutsche Zeitung führt ihren entsprechenden Artikel mit den Worten ein:

Zwar gibt es immer mehr Studenten und Jung-Akademiker in Deutschland – doch nur jeder Fünfte schafft mit Bildung den sozialen Aufstieg, wie eine Studie der OECD zeigt. Bedenklich: Viele junge Leute bleiben hinter dem Bildungsniveau ihrer Eltern zurück.

Nun gut – jede/r interpretiert die Statistiken also entsprechend seines Weltbildes. Die einen argumentieren eher neo-liberal, die anderen eher bildungsbürgerlich. Richtig interessant wird dieser Interpretations-Wirrwarr durch die parallele Veröffentlichung einer weiteren Forschungsarbeit, die von der Vodafone-Stiftung in Auftrag gegeben wurde. Sie veröffentlichte ihre “Studie zur sozialen Ungleichheit beim Hochschulzugang im historischen Zeitverlauf” unter dem Titel Aufstiegsangst. Und die ZEIT schreibt zu deren Ergebnissen:

Die Zahl der Arbeiterkinder mit Abitur wächst, aber die Zahl derjenigen, die danach studieren, sinkt wieder.

Noch immer seien die “Zugangswege zum Studium sozial selektiv”. Akademikerkinder verfügten über eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen als Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss, heißt es in der Untersuchung.

So, und was nehmen wir aus diesen Ergebnissen mit? Aufstieg durch Bildung war schon immer eine Illusion – andere Faktoren ziehen später in der Karriere für verschiedene sozialen Schichten unterschiedliche gläserne Decken ein. Offenbar lassen sich viele junge Menschen auf diesen idiotischen Tanz nicht mehr ein. Ist das eine negative Entwicklung? Ich sehe darin auch positive Aspekte …

Wer übernimmt denn mal die Aufgabe, den aktuellen Bildungsdiskurs nüchtern zu sortieren, um die Interessen zu verdeutlichen, warum wer wie argumentiert und zwischen welchen Standpunkten es sich lohnt, sich mit seinem Wertegerüst zu entscheiden? 

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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