Bildungspolitik in Zeiten des Web-Lernens

Da ich zufällig gerade wieder darüber gestolpert bin und da es thematisch gut zur derzeit auf G+ und im sonstigen, webbasierten Medien(!)-Diskurs geführten Debatte rund um das Web passt (zentral von Martin Lindner), hier ein kleiner Auszug aus meiner Diss, den ich vor ca. 3 Jahren schrieb. (Hier geht’s zur gesamten PDF.)

Inhaltlich ging es darum, warum es weltweit auch 2020 noch eine relativ breite Schicht an exkludierten Personen geben wird, die sich nicht in benutzergenerierten, digitalen Umgebungen bewegen kann. Ich hatte dazu u.a. einige internationale Expertinnen in einer Real-Time-Delphi-Studie befragt.

Als zentralsten Hemmfaktor, warum wir gesamtgesellschaftlich nicht weiter fortgeschritten sein werden, kristallisierten sich die sozio-kulturellen Werte und Praktiken heraus – vor dem ökonomischen Druck, den politischen Mechanismen etc.

Jetzt der Bezug zur aktuellen Debatte: “Das Web” wird in hiesigen Breitengraden kulturhistorisch gerne als Austausch von Content über Medien diskutiert. Dies ist eine sehr westliche Sichtweise, die leider ausser Acht lässt, welche sozialen Komponenten die Vernetzung für andere Weltbürger/innen in anderen Weltregionen mit sich führt. Wir sind hier weiterhin sehr stark von der Medienindustrie als “Kulturindustrie” geprägt – auch in unserem Verständnis von DEM Web.

Dies spiegelt sich auch in unserem Verständnis von Web-Lernen und den Anforderungen an eine zivilgesellschaftliche, bildungspolitische Alternative zum herrschenden Mainstream (z.B. in der Forderung nach OER, die ja letztlich “nur” Content sind).

Ich denke, wir müssen fundierter werden und unsere ego-zentrischen Sichtweisen überwinden. Das grössere, globale Bild in den Blick nehmen – unabhängig von unseren persönlichen Nutzungsformen DES Webs. Ansonsten landen wir in derselben Sackgasse wie der herrschende Diskurs – statt in innovativer Transformation des Bestehenden …

Aber gut: Dazu zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Hier jetzt der Auszug aus meiner Studie …

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1. Sozio-kulturelle Werte & Praktiken

Als zentraler Hemmfaktor über alle Flow-Kategorien werden die sozio-kulturellen Werte und Praktiken gesehen. Rituale, Helden oder Symbole lassen vielfältige kulturelle Unterschiede entstehen, die sowohl die spaces of places voneinander unterscheiden als auch innerhalb des space of places Differenzierungen ermöglichen. In ihrer persönlich je unterschiedlichen Mischung prägt diese „Software des Geistes“ (Hofstede) das kollektive Programm bestimmter Gruppen und damit einen je spezifischen Habitus, der ein bestimmtes soziales Milieu etabliert, das sich von dem anderer Gruppen unterscheidet. Auf der anderen Seite entstehen im space of flows globale kulturelle Schichten, die je nach Netzwerk-Zugehörigkeit einige Gemeinsamkeiten herausbilden. Es entstehen neue soziale Milieus mit einer spezifischen sozio-kulturellen Mischung aus verschiedenen Netzwerk-Einflüssen, die zudem inter-subjektiv unterschiedlich gewichtet sind. Aufgrund der vielfältigen Vernetzungsformen, in denen Einzelne durch ihre Netzwerkaktivitäten eingewoben sind, rücken regionale Besonderheiten dabei sukzessive in den Hintergrund. Zwar werden sie ob ihrer am space of places wirkenden Macht auch weiterhin von Generation zu Generation unbewusst weitergetragen. Doch dringen erfolgreiche kulturelle Praktiken des weltweiten Austausches über individuelle wie institutionelle Netzwerkknoten in die ehemals regionalen Herrschaftsräume ein. Der Einfluss des Social Webs realisiert seine Virtualität in Form einer homogenisierenden Kraft der Kommunikationscodes. Individuell drückt sich dies angesichts der persönlichen Einbindung in die institutionellen Prozesse durch bewusste kulturelle Praktiken aus, während sich gleichzeitig die frühen unbewussten Werte aufgrund der persönlichen Erfahrungen wieder teilweise relativieren. 

Eine kulturell prägende Institution stellt der Bildungsbereich dar, der angesichts seiner formalen Behäbigkeit bei gleichzeitiger Beschleunigung der Innovationsprozesse -und damit individuell erforderlicher, steiler Lernkurven- zunehmend vom informellen Bildungsraum des Social Webs als lernprägende Kraft ergänzt oder gar abgelöst wird. Traditionell kam dem (nationalen) Bildungssystem bei der Erziehung zum gesellschaftlichen Gemeinwesen eine große Rolle zu. Hier wurden die regionalen, kulturellen Werte und Praktiken eingeübt und weitergereicht – flankiert von anderen sozial wirkenden, uni-direktionalen, gesellschaftlichen Pfeilern wie Massenmedien, Justiz, Verlage, Politik o.ä., über deren offizielle, elitäre Kanäle die Weiterentwicklung der Kultur diskursiv ausgehandelt wurde.

Im Zeitalter der Netzwerkgesellschaft mit ihren emergent wachsenden Verdichtungsformen und globalen Verstrebungen entfalten sich aber neue sozio-kulturelle Werte und Praktiken, die sich immer weniger regional herleiten oder gar kontrollieren lassen. Hier bilden einzelne Menschen, die sich am diskursiven Prozess aktiv beteiligen (können), eine persönliche Kultur aus, die sich primär vom Individuum ausgehend definiert – und nicht mehr von regionalen Großgruppen. Indem sich diese Individuen in vielfältigen Communities und Netzwerken bewegen, formiert sich über die Herausbildung dieser informell wirkenden Bewegung im Social Web eine globale Kultur der Offenheit aus, die gemeinsame Werte und Praktiken etabliert. Es entsteht so etwas wie eine flexible Web 2.0-Kultur, die je nach regional vorherrschender Medienkultur sich in unterschiedlicher Dynamik auch auf die regionalen kulturellen Werte und Praktiken auswirkt. Allerdings existieren weiterhin regionale Unterschiede der konkreten Mediennutzung als Kulturtechnik -z.B. hinsichtlich des Austauschs kreativen Contents und der konkreten mobilen Nutzungsformen-, was nicht zuletzt auf regional bedingte, unterschiedliche Vertrauensfaktoren im High-Context-Webraum zurückzuführen ist.

In diesem sozio-kulturellen Kontext agiert nun die internationale (Bildungs-)Politik, die sich -dank der Entwicklung hin zu ebenjener Netzwerkgesellschaft- in einem Mehrebenensystem bewegt. Zudem lassen sich internationale Harmonisierungstendenzen im (national dominierten) Bildungssystem feststellen, die vermeintlich auf autonomen Entscheidungen der Handlungsakteure beruhen, letztlich aber auf einem Governance-Regime aufbauen, das durch einige einflussreiche IOs maßgeblich beeinflusst wird und eine kulturelle Hegemonie bestimmter Werte und Praktiken durchsetzt. Gleichzeitig verbleibt den nationalstaatlichen Gebilden ein gewisser Spielraum, diese harmonisierenden weltkulturellen Tendenzen konkret auszugestalten – sie unterliegen also keiner direkten Steuerung durch die IOs. So können über nationale Veto-Spieler oder die Anbindung der spezifischen sozialen Geschichte des Nationalstaats bestimmte nationale Eigenarten in die konkrete Ausgestaltung einfliessen – an der generellen harmonisierenden Tendenz ändert dies gleichwohl nichts, lediglich an der Geschwindigkeit der Umsetzung.

Die sozio-kulturellen Werte & Praktiken als zentraler Hemmfaktor, warum weltweit -unter den gegebenen Rahmenbedingungen- bis zum Jahre 2020 eine zwar unterschiedlich breite, aber global existierende Schicht an von der Netzwerkgesellschaft Exkludierten existiert, lässt sich nur bedingt auf die internationale (Bildungs-)Politik zurückführen. Nationale sozio-historische Charakteristika, die von zentralen Veto-Playern aufrechterhalten werden, globale web- kulturelle Handlungspraktiken, die von der Netzwerkgesellschaft produziert werden, und die empirische „Objektivität“ supranationaler IOs kämpfen auf der Ebene des Agenda-Settings um die kulturelle Hegemonie. Aus Sicht der Individuen, die sich zunehmend im weltweit vernetzten Social Web bewegen (müssen) und diskursiv beteiligen (möchten), relativiert sich mittelfristig der Einfluss regional gesetzter sozio-kultureller Werte im harmonisierten Bildungssystem. Vielmehr finden sukzessive die webkulturellen Werte Eingang in den Habitus der beteiligten Personen und damit in die regionale Kultur am space of places. Über diesen langsamen Prozess transformieren sich die regionalen, intergenerational weitergereichten Werte und Praktiken, die sich somit als Hemmfaktor sukzessive selbst abbauen. 

Wagner, Anja C.: UEBERflow. Gestaltungsspielräume für globale Bildung, Kassel 2012, S. 295-297

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

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