Bildung – Made in Europe

Vor einigen Tagen habe ich einen Rundgang über die bekannteren Online-Bildungsanbieter gemacht. Ziel war, für die ununi.TV-Lounge meine persönliche Empfehlungsliste interessanter Bildungsangebote zu erstellen.

Dabei musste ich leider feststellen: Es existieren tatsächlich sehr wenige, inhaltlich interessante Angebote für richtige Erwachsene, die man aktuell buchen oder sich für später in den Kalender aufnehmen möchte.

Dieser ganze mediale Spuk rund um MOOCs in der EU – er findet sich nicht in der Produktion alltagstauglicher Online-Kurse wieder, die für Normal-Menschen interessant wären. iversity zum Beispiel weist derzeit 3 (!) Kurse als Coming-soon aus. Alles nahezu lebensfremde Kurse irgendwelcher Professoren, die sicherlich für deren Fachbereich wichtig sind, aber nicht für Normal-Bürger_innen geeignet. Auch bei OpenUpEd, grossartig angekündigt im April 2013 – nichts aktuelles. Nur Bestandswahrung.

Also nach all dem Hype und den Geldspritzen seitens der EU und den Stiftungen können wir vielleicht in den nächsten Jahren noch einige wenige MOOCs erwarten. Die meisten davon auf irgendwelchen Plattformen abgelegt, so dass kein Mensch durchsteigt, wo was wann startet.

Aber, neben all diesen Meta-Diskussionen, wie man lehrt oder lernt: Wen interessiert denn bittschön die akademische Aufbereitung der “European Law and Legal System”? Nicht missverstehen: Das ist inhaltlich bestimmt interessant und wichtig, aber für die klassische Weiterbildung maximal für Menschen 70+ zu empfehlen.

Zu gerne würde ich die bisherigen Ausgaben für die Produktion von MOOCs einmal addieren und mir dann das Ergebnis und die Nachhaltigkeit anschauen. Selbst auf den amerikanischen Plattformen findet man fast ausschliesslich Content für die akademische Lehre.

Aber was davon ist wirklich für weiterbildungsinteressierte Menschen gedacht, die sich am Arbeitsmarkt abmühen müssen? Wie hält man sich auf dem Laufenden? Das ist die Krux unseres aktuellen Bildungsverständnisses: Wir konzentrieren uns vor allem auf die akademische Aus-und Weiterbildung für die Angestellten-Karriere.

Wo ist die ernst zu nehmende Weiterbildung für Menschen, die in ihrem bisherigen, mitunter hoch akademisch ausgebildeten Job keine weitere Arbeit mehr finden? Wie rebootet man sich selbst? Wo lernt man, wie man sich ein tragfähiges Businessmodell aufbaut? Etwa über ein Weiterbildungsangebot des Jobcenters?

Wenn man sich die VHS-Kataloge, aber auch die kostenpflichtigen On-Demand-Anbieter auf dem europäischen Parkett anschaut: Da ist qualitativ noch viel Luft nach oben, was die Inhalte und die Learning Experience anbelangt – zumindest in dem Segment, das Normalmenschen auch finanzieren können. Sofern sie denn überhaupt wollen.

Wenn ich mir den aktuellen Stand möglicher Weiterbildungen auf dem Markt anschaue, dann weiss ich, warum sich in Europa wenig bewegt. Es ist fundamental verkrustet und bürokratisiert. Und leider wird sich da nichts, wirklich gar nichts mit den MOOCs verändern. Dieser Versuch ist jetzt bereits gescheitert. Weil sich zu konventionelle, aber mächtige Player da rein drückten und jede Kreativität in ihren Mühlen zermahlten. Und damit ihr altes Bildungsverständnis auch hier hinein trugen.

Das ist mein Fazit des Rundgangs. Als einzigen Hoffnungsschimmer sehe ich derzeit die bezahlten Angebote von Privatmenschen, die anderen auf Augenhöhe an ihren professionellen Erkenntnissen teilhaben lassen. Da spürt man noch die Agilität, die Lebensnähe und die Energie. Nur muss man deren Angebote erst einmal finden.

Und auch auf den amerikanischen Bildungsplattformen läuft einiges thematisch Interessantes. Wenn auch dort erstaunlich wenig, wo man unmittelbar denkt: Ja, genau – das brauch ich unbedingt! Aber man findet wenigstens noch halbwegs Brauchbares. Vielleicht, weil es nicht ganz so sophisticated daher kommt, wie hier in Europa? Irgendwie scheint es mir eine Spur lebensnäher.

Zumindest habe ich dort EIN Schmankerl gefunden, das meinen Mitmach-Impuls sofort auslöste: Chinese for Beginners – kostenfrei von der Peking University angeboten. Das ist doch mal was! Kam gleich auf die Liste

ÜberAnja C. Wagner

thinker, networker, human | .edu .ux .politics | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

3 Kommentare zu Bildung – Made in Europe

  1. Das mit der Unübersichtlichkeit der Bildungsanbieter kann ich sofort unterschreiben. Ich selbst werde mit unserer MOOIN Plattform dieses noch weiter treiben – leider. Ich habe mit zig Bildungsanbietern gesprochen und wollte gerne eine Geminschaftsplattform entwickeln, leider ergebnislos. Jeder hat anscheinend genug Ressourcen um was eigenes zu machen. Andersrum ist das aber das Todesurteil um eine kritische Masse an Kunden zu erreichen. Ich sag da immer: Das Internet hat keinen Platz für zwei Amazon.

    Zu den passenden Angeboten muss ich jedoch sagen, dass zumindest wir sehr gute Online-Weiterbildungsangebote im Portfolio haben. Neben dem MarketingMOOC auch ganz normale kostenpflichtige Kurse wie Medienkompetenz, Zeitmanagement, Wissenschaftliches Arbeiten oder unser Vorzeigeprojekt Regulatory Affairs in der Medizintechnik.

    http://www.oncampus.de/weiterbildungskurse.html

    Leider werden diese Kurse zu selten gefunden und hier ist wieder das Grundproblem. Die Hochschulen gehen alle einzelne Wege und wenn dann etwas großes wie Amazon kommt, sieht jeder alt aus.

    Gruß aus dem Norden
    Andreas

    • Anja C. Wagner sagt:

      Meine Thesen zur Zersplitterung:
      1) Jede Hochschule hat Angst vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit – und ist letztlich so drittmittelgei…, dass sie erst einmal selbst mit der Entwicklung einer eigenen Plattform beginnt.
      2) Dann schwingt noch viel altes Denken mit: Meine Inhalte auf meinem Server.
      3) Am Ende verdient noch jemand anderes Geld mit seiner Dienstleistung. Dies gilt es zu verhindern.
      Resultat seit Jahrzehnten: Nach Fördermittelende wird die Plattform eingestampft wg. Sicherheitslücken, die niemand mehr beheben kann, weil die Leutchen wieder an anderen Projekten arbeiten.
      Quod erat demonstrandum.

      Zu den Inhalten:
      Ich möchte gar niemandem zu nahe treten. Es gibt sicherlich jede Menge ganz toller Angebote, die ich nur noch nicht gefunden habe. Aber, nur ganz dezent: Marketing, Zeitmanagement und wissenschaftliches Arbeiten wurden nicht erstmalig an der FH Lübeck aufbereitet, oder? Ich suchte nicht nach allgemein gültigen Ansätzen, sondern nach kleinen Schmankerln. Workshops, die man sonst nicht so findet, weder bei der VHS, noch in der klassischen Weiterbildung. Aber der Long Tail ist erstaunlich kurz. So unmittelbar sinnvolle Kurse für den tatsächlichen Bedarf von Erwachsenen, die am Ball bleiben müssen, gibt es kaum.

      LG, Anja

  2. Pingback:geekchicks.de » geekchicks am 23.09.2014 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

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