Wieviele Jobs gehen denn nun verloren durch die Automatisierung?

Die berühmte Studie von Carl Frey und Michael Osborne kam 2013 (bekanntlich) zu dem Schluss, dass bis zu 47% der amerikanischen Jobs der Digitalisierung zum Opfer fallen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat dazu mehrere Studien in Auftrag gegeben, zu analysieren, inwiefern die Ergebnisse auch auf Deutschland  übertragbar sind. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, angeführt von Prof. Bonin hatte dazu im April 2015 eine erste Kurzexpertise erstellt.

In der Zusammenfassung tragen sie ihre Ergebnisse wie folgt zusammen (fett markiert durch acw).


Das Wichtigste in Kürze

In der aktuellen öffentlichen und populärwissenschaftlichen Debatte werden Befürchtungen geäußert, dass technologischer Wandel und insbesondere die Digitalisierung bald zu einem „Ende der Arbeit“ führen könnten.

Solide Abschätzungen darüber gibt es bisher kaum. Viel öffentliche Aufmerksamkeit erfährt derzeit eine Studie von Frey und Osborne (2013). Die Autoren untersuchen anhand von Experteneinschätzungen und beruflichen Tätigkeitsstrukturen die Automatisierbarkeit von Berufen in den USA.

Nach ihrer Einschätzung arbeiten derzeit 47 % der Beschäftigten der USA in Berufen, die in den nächsten 10 bis 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit (> 70 %) automatisiert werden können.

Die vorliegende Expertise überträgt diese sogenannte Automatisierungswahrscheinlichkeit der Berufe in den USA zunächst direkt auf die entsprechenden Berufe in Deutschland. Demnach arbeiten derzeit 42 % der Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit.

Da in erster Linie Tätigkeiten und weniger Berufe automatisiert werden und da nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Beschäftigten der gleichen Berufsgruppe dieselben Tätigkeiten ausüben, verfolgt die vorliegende Expertise einen alternativen Ansatz.

Dazu werden die Automatisierungswahrscheinlichkeiten anhand der Tätigkeitsstrukturen am Arbeitsplatz auf Deutschland übertragen. Demnach weisen in den USA 9 % der Arbeitsplätze Tätigkeitsprofile mit einer relativ hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit auf. In Deutschland trifft dies auf12 % der Arbeitsplätze zu.

Der Anteil der Arbeitsplätze mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit ist für beide Länder geringer. Dies liegt voraussichtlich daran, dass Beschäftigte in nach Frey und Osborne als gefährdet eingestuften Berufen auch schwer automatisierbare Tätigkeiten ausüben. Die Automatisierungswahrscheinlichkeit fällt dennoch für Geringqualifizierte und Geringverdiener relativ hoch aus.

Die Ergebnisse erfordern eine vorsichtige Interpretation. Zunächst überschätzen Frey und Osborne voraussichtlich das technische Automatisierungspotential von Berufen oder Arbeitsplätzen, weil die Ergebnisse auf Experteneinschätzungen beruhen, die typischerweise zur Überschätzung technischer Potentiale führen.

Außerdem bleiben bei der Ermittlung des technischen Potentials gesellschaftliche, rechtliche und ethische Hürden bei der Einführung neuer Technologien unberücksichtigt. Das technische Automatisierungspotential ist daher voraussichtlich geringer.

Vor allem aber beziehen sich die Ergebnisse nur auf das technische Automatisierungspotential. Dies darf nicht mit möglichen Beschäftigungseffekten gleichgesetzt werden, da Maschinen Arbeitsplätze verändern können, ohne sie zu ersetzen.

Die Beschäftigten können die gewonnenen Freiräume nutzen, um andere, schwer automatisierbare Aufgaben auszuüben. Selbst wenn Automatisierung unmittelbar zu Arbeitsplatzverlusten führt, entstehen durch den Wandel zugleich neue Arbeitsplätze, beispielsweise bei der Herstellung der neuen Technologien oder aber durch höhere Produktivität und höhere Gewinne der Unternehmen, die automatisieren.

Die Gesamtbeschäftigung ist daher nicht zwangsläufig gefährdet. Dennoch setzt technologischer Wandel Arbeitskräfte der Herausforderung aus, sich dem Wandel zu stellen. Beschäftigte müssen in die Lage versetzt werden, den Wandel am Arbeitsmarkt zu bewältigen.

Sie benötigen Qualifizierung, um komplexere, schwer automatisierbare Aufgaben neu zu übernehmen, aber auch um die Technologien als Arbeitsmittel zu verwenden. In der Tendenz sind die in Folge der Automatisierung neu entstehenden Arbeitsplätze anspruchsvoller als Arbeitslätze, die wegrationalisiert werden. Mehr und bessere Qualifizierung ist daher eine gute Vorsorge.

Mögliche Politikmaßnahmen könnten also im Bereich der Weiterbildung und Umschulung, in der Förderung der betrieblichen Fortbildung und Qualifikation sowie in der Forcierung Lebenslangen Lernens liegen.

Die Zusammenhänge zwischen Automatisierung, Veränderung von Berufsbildern, Arbeitsplatzverlusten und Arbeitsplatzentstehung werden bisher aber nur unvollständig verstanden.

Um abschätzen zu können, wie mögliche Maßnahmen gestaltet sein sollten, ist weitere Forschung notwendig. Dafür braucht es genauere Daten aus den Unternehmen, um den Zusammenhang zwischen technologischem Potential, tatsächlichem Einsatz von Technologien und dessen Folgen für Beschäftigung und Löhne analysieren zu können.

Was bedeutet dies für Klein-Unternehmen?

  1. Überlegen, welche eigenen Tätigkeiten zukünftig wohl automatisierbar sind (ACHTUNG: Es sind alle Routine-Arbeiten!)
  2. Die Profile der nicht automatisierbaren Tätigkeiten schärfen und der eigenen USP hinzufügen.
  3. Eigene Mitarbeiter_innen unterstützen, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Auszug aus The NeWoS vom 9. Juni 2015, unserer ununi.TV Rundschau (du kannst sie hier abonnieren)

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ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

2 Kommentare zu Wieviele Jobs gehen denn nun verloren durch die Automatisierung?

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