7 Baustellen in der Bildung 4.0. Ein Statusbericht auch für KMU.

Nach dem Barcamp zu Arbeiten 4.0, unserem DigiBlaBla-Talk zum Stellenwert der Digitalisierung in Schulen und der ersten Forschungsstudie im BMAS zeige ich heute die Bandbreite verschiedener Fehl-Entwicklungen in unserem allgemeinen Bildungsverständnis auf.

[Nachtrag: Ich reihe diesen Bericht gerne in die Blogparade von Christian Ebel ein: Mit digitalen Medien besser lernen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Dies ist meine bildungspolitische Sicht auf das Thema.] 

Alle reden ja von Bildung und fordern eine bessere, zeitgemäßere. Dabei wird in Deutschland gerne Humboldt (4.0) für die Heranwachsenden angerufen.

So unterhaltsam der Vortrag auf dem Arbeiten 4.0-Barcamp auch war: Die Referenzierung von Humboldt 4.0 ist gesamtgesellschaftlich betrachtet m.E. Ideologie, also falsch verstandenes, gesellschaftlich herrschendes Bewusstsein (nach Adorno).

Ich weiss, was Günter Dueck damit zum Ausdruck bringen wollte: Nämlich dass möglichst viele Heranwachsende sehr viel kreativer und empathie-fähiger ihr Potenzial in der Ausbildung ausprägen müssten. Und das wäre auch sinnvoll!

Gleichwohl ist es eine bildungsbürgerliche Attitüde, die sich grundsätzlich aus der alten protestantischen Ethik ableitet, und dann elitär verblendet wurde.*

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

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Nichts gegen diese Ethik, aber wir lebten noch nie in einer Welt, in der sich ALLE Menschen entsprechend ihrer inneren Potenziale entfalten konnten. Das war immer nur ein Privileg erst der Eliten, später dann in Maßen der Mittelschicht.

Das Gros der Menschen arbeitete einfach irgendwas, um Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Und dazu brauchte es entsprechender Ausbildungen, wenn überhaupt. Humboldt hin oder her.


“Ihn [Humboldt] kümmerte nicht, wie es denn mit dem Genuß und dem Bedürfnis bei den Armen, den Gedrückten, kurz dem Bodensatz der Gesellschaft aussah. Die überwältigende Mehrheit der damals in Preußen lebenden Menschen hatte gar keine andere Möglichkeit, als mit genussfreier Arbeit das unmittelbare Existenzminimum zu sichern.”

siehe Humboldtgesellschaft


Deshalb bringt es auch wenig, wenn Eliten jetzt mit dem Finger auf die anderen, weniger Privilegierten zeigen und ihnen indirekt zurufen, sie sollten sich besser weiterbilden, da sie schon sehr bald den größten Bedarf hätten.

Sie haben das ja nie gelernt. Genauso wenig wie die Eliten selbst. Wo denn auch? Der aristokratische Müßiggang wird weiterhin neidvoll angestrebt.

Figur (18)Folgerichtig besagt dann der konventionelle Bildungsmainstream: Da die meisten Menschen andere Prioritäten hätten, sie ihre eigene Weiterbildung aus eigener Motivation nicht hinbekämen, wäre es Sache des Staates oder des Bildungssystems, sie sanft mit verschiedenen Anreizsystemen in formale Weiterbildungen zu schieben.

Ich bin fest überzeugt: SO werden wir die Transformation 4.0 nicht hinbiegen können! Sämtliche an diesem Weiterbildungsprozess beteiligten Personen und Institutionen bedürften SELBST einer solch entschiedenen Transformation und Weiterbildung.

Und wer, bittschön, soll diese Weiterbildung der Weiterbildner_innen und Entscheider_innen übernehmen? Nach dem Wasserfall-Modell funktioniert eben auch Bildung nicht mehr im 4.0-Zeitalter.


Erst Audio anwerfen: Sound of a waterfall spilling down into a river ( CC BY 3.0 Mike Koenig)


Dann die Grafik einwirken lassen – das ist übersetzt die Wasserfall-Methode:

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

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Bildung 4.0 muss heute jedoch anders verlaufen.

Sie lässt sich im 21. Jahrhundert nur über neue, komplexere Mechanismen lösen, die derzeit NIEMAND kennt. Genau DAS bedeutet 4.0: Kollaborative Navigation im Nebel auf Sicht. Und dies kann nur im maximal offenen, transparenten, kreativen Diskurs erfolgen.

“The Future Belongs To The Geeks. Nobody Else Wants It.” gapingvoid

Denn eines sei allen versichert: Es gibt NIEMANDEN, der nicht heute und SOFORT mit der kontinuierlichen Weiterbildung BEI SICH SELBST anfangen sollte.

Selbst wenn er oder sie im Ruhestand ist – diese Verantwortung müssen alle zugunsten aller übernehmen. Oder wir werden alle eines Tages in “Gated Communities” landen.

Ich liste jetzt ein paar strukturelle Baustellen auf, an denen man m.E. schrauben müsste:

1. Arbeiten & Lernen wachsen zusammen – FÜR JEDEN

Es ist seit Jahren Common Sense: Lebenslanges Lernen ist nicht nur eine bildungspolitische Notwendigkeit, sondern auch entscheidend, um sich innovativ in den Dynamiken der Netzgesellschaft weiterzuentwickeln – als Person, als Unternehmen, als Gesamtgesellschaft.

Nun wird das gerne kolportiert, nur: Wie geht das?

Ich hatte die verschiedenen Typen von Motivationen für eine Weiterbildung in unserem FlowCampus dargelegt. Es wird auch von NIEMANDEM ernsthaft bestritten:

Das Gros der persönlichen Weiterbildung erfolgt INFORMELL.

Für jede Person gibt’s dazu unterschiedlich perfekte Orte und Zeiten – nur eines eint alle: Dies findet eben NICHT in formalen Kursen statt.

Unser bildungspolitisches Augenmerk konzentriert sich derweil nahezu komplett auf ebenjene FORMALEN Instanzen.

Sicherlich, das INFORMELLE lässt sich nicht gezielt von oben steuern. Gleichwohl gäbe es steuerungspolitische Möglichkeiten: Arbeitskultur, Wertschätzung, Kollaboration, Austausch, flexible Arbeitsmodelle, Absicherung des Grundeinkommens etc. pp. – all dies sind Beispiele lernförderlicher Rahmenbedingungen, die den persönlichen Freiraum böten und es dadurch ermöglichen könnten, sich individuell weiterzubilden. (Wobei man im Detail ja nochmals schauen könnte …)

Dies käme auf jeden Fall dem Humboldt’schen Anspruch wieder sehr nahe: Jede_r könnte sich weiterentwickeln entsprechend der eigenen Potenziale, die man ausleben wollte.

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

Und wenn wir dann für einen kurzen Augenblick nicht auf die 10% der Bevölkerung blickten, die damit wirklich überfordert wären: Welches informelle Potenzial könnte sich so für die Gesellschaft entfalten? Ich vermute, ein gewaltiges…


“Gerade die aus der Vereinigung Mehrerer entstehende Mannigfaltigkeit ist das höchste Gut, welches die Gesellschaft gibt, und diese Mannigfaltigkeit geht gewiß immer in dem Grade der Einmischung des Staates verloren. Es sind nicht mehr eigentlich die Mitglieder einer Nation, die mit sich in Gemeinschaft leben, sondern einzelne Untertanen, welche mit dem Staat, d.h. dem Geiste, welcher in seiner Regierung herrscht, in Verhältnis kommen, und zwar in ein Verhältnis, in welchem schon die überlegene Macht des Staats das freie Spiel der Kräfte hemmt.” So schon damals der Aristokrat HUMBOLDT.


Wenn man sich denn auf den informellen Austausch einliesse. Und zwar ALLE, wie gesagt.

Wenn nahezu die Hälfte der anwesenden Arbeiten 4.0-Barcamp-Teilnehmer_innen nicht auf Twitter unterwegs sind (und womöglich auch kaum in den sonstigen sozialen Netzwerken, außer vielleicht privat):

Wo wollen sie denn den kollaborativen, offenen Austausch lernen, der auch innerhalb der Firmen erforderlich ist, um das Optimum der vernetzten Arbeit zu heben?

Zur Erklärung: Seit Jahren generiert sich Twitter in der Rangliste der Top 100-Tools für die persönliche Weiterbildung auf Platz 1.

Nirgendwo sonst lernen moderne Bildungsmenschen nach eigener Aussage mehr als dort, so man es halbwegs ernsthaft praktiziert.

Solange auch in 4.0-interessierten Kreisen kolportiert wird: In f2f-Gesprächen und -Veranstaltungen lerne man am meisten. ES STIMMT NICHT!

Klar kann man sich mal treffen und “in echt” austauschen. Und man kann da auch durchaus etwas lernen. Gleichwohl ersetzt es aber nicht den kontinuierlichen, komplexen, asynchronen, diversifizierten Diskurs über verschiedene soziale Netzwerke!

SOWOHL öffentlich per Twitter ALS AUCH intern per Slack o.ä. generiert sich ein gemeinsamer Erfahrungsschatz, den man persönlich heben kann. Wir müssen dafür ein kollektives Verständnis entwickeln.

Und eben NICHT die sozialen Medien primär als persönliches Marketing-Tool feiern, sondern als selbstverständliche Bildungsumgebung im gesellschaftlichen Verbund!

Klar, es muss nicht für jeden Twitter sein. Man kann sich auch über ein Netzwerk aus Instagram, Pinterest und LinkedIn weiterbilden. Oder Facebook, XING und Wikipedia. Oder Whatsapp, Snapchat & RSS-Feeds oder alles zusammen oder, oder, oder.

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Ich weiss, man sollte nie “muss” sagen. Man muss sich auch nicht in sämtlichen Tools bewegen.

Aber man MUSS sich kontinuierlich den Analysen und der Meinung möglichst vieler verschiedener Anderen aussetzen, sich mit den Aussagen auch inhaltlich immer wieder auseinander setzen und es für sich selbst weiterdenken und dann wieder in die Netze öffentlich hineingeben.

DAS bedeutet Lernen 4.0 – und DAS entspricht einer modernen, kollaborativen BILDUNG 4.0.

Hände hoch: Wer kann das bereits?

Wer das Web 2.0 einfach übersprungen hat, kann m.E. Industrie und Arbeiten 4.0 komplett vergessen – so einfach ist das. Ihr müsst Vernetzung ERFAHREN. Regelrecht körperlich über das Smartphone.

Es muss blinken und summen und aktiv sein. Es ist euer Zugang zur Welt! Findet einen Umgang damit! Also los: Startet SOFORT! ALLE!

Und das ist erst der Anfang. Damit ist lediglich der allererste Baustein gelegt für eine kollaborative, transformative Gesellschaft, die die Probleme der Welt wirklich lösen will. Und wozu sonst braucht es Unternehmen und Institutionen?

2. Frühkindliche Bildung als Inkubatoren?

So, und unter diesem Gesichtspunkt blicken wir jetzt auf das Thema frühkindliche Bildung.

Die Hoffnung vieler Eltern ist klar und verständlich: Wenn die Persönlichkeitsbedingungen für späteren Flow und damit Erfolg der Kinder bereits mit 2 Jahren festgelegt sind, dann braucht es dabei maximal professioneller Unterstützung. Hier werden laut Forschungen die vielfältigen Kompetenzen angelegt, die bereits heute erforderlich wären.

Entsprechend suchen viele Eltern entsprechende Einrichtungen für ihre Kleinen.

So weit, so gut. Diese Sichtweise hat wie alles ihre Vor- und Nachteile.

Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive liegen die Einwände sogleich auf der Hand:

  • Die heute 2-jährigen benötigen mindestens noch 30 Jahre, bis sie in relevante Positionen gelangen, aus denen heraus sie etwas gesellschaftlich bewirken könnten.
  • Zudem müsste geklärt werden, ob wir den Druck so erhöhen wollen, dass JEDES Kind möglichst frühzeitig einen Kita-Platz wahrnehmen muss.
  • Überhaupt: Wie wollen wir Kitas einordnen? Mehr als Aufbewahrungsanstalt für gestresste, berufstätige Eltern oder eher als Sozialisationsinstanz, um möglichst viele auf den Pfad der Weisen zu führen?
  • Ist es gesellschaftlich erwünscht, solche Institutionen primär als Inkubatoren für die spätere gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu sehen? Verlieren die Kinder vielleicht mehr an Mitmenschlichkeit, denn dass sie an Persönlichkeit gewinnen?
  • ….

Und jetzt kommt’s:

Sind die Erzieher_innen wirklich so zeitgemäß ausgebildet, dieses Potenzial FÜR DIE ZUKUNFT zu heben? Ich will da wirklich niemandem zu nahe treten. Ich weiss, sie verdienen viel zu wenig für das, was sie leisten.

Aber sind sie nicht zwangsläufig maßlos überfordert, innovative Menschen für in 30 Jahren auszubilden? Wer kann sich denn bereits heute vorstellen, wie unsere Welt in 30 Jahren ausschauen wird?

Oder müsste man diese Entwicklung nicht gesamtgesellschaftlich über verschiedene kulturelle Einflussfaktoren flankieren, die völlig quer liegen zum jetzigen Verständnis von erzieherischen Maßnahmen? Müssten wir vielleicht auch hier transformativ gänzlich neu denken?

Es gibt bestimmt noch eine Vielzahl an Fragen, aber auch die bisherigen zeigen bereits eine Entwicklung auf, die weit komplexer ist als die einfache Forderung nach mehr frühkindlicher Entwicklung.

Kommen wir in der Fortführung zum nächsten Punkt, dem der Schulen.

3. Öffentlich-rechtliches Massenangebot als Verwahr-Anstalt

Ich hatte es in dem DigiBlaBla-Talk bereits angedeutet. Meines Erachtens wird derzeit die Schul-Diskussion aus dem tradierten Ansatz heraus diskutiert – statt von der Zukunft her auf das Thema zu schauen.

Wir nehmen die bestehenden Schulen und Klassenzimmer als gegeben hin und modellieren daran ein wenig rum. Ohne Vision und ohne klares Ziel – Hauptsache, es wird modelliert.

Aber nur eine VISION der Zukunft könnte es ermöglichen, das Thema transformativ im 3-er Schritt anzugehen:

  1. Wo wollen wir hin?
  2. Wo stehen wir?
  3. Wie kommen wir von hier nach dort?

Erst bei Schritt 3 wären wir dann beim Modellieren angelangt.

Denn wenn sich die Zukunft in Zeiten von Industrie 4.0, Internet of Things, Sharing Economy etc. so radikal verändert, dann sollten wir kurz innehalten und für einen Moment nachdenken, was das für die einzelnen Lebensläufe bedeutet.

  • Das Postulat der Vollbeschäftigung:
    Wieviel Sinn macht das noch in einer Zeit, in der die Automatisierung uns vielleicht das Gros der unangenehmen Arbeit abnehmen könnte?
  • Das Postulat der Selbstverwirklichung:
    Verschieben sich vielleicht die Schnittmengen zwischen persönlicher Selbstverwirklichung und beruflicher Ausrichtung? Müssen wir nicht neue Identitäten aufbauen?
  • Das Postulat des Normal-Arbeitsverhältnisses:
    Bereits heute leben MEHR als 50% der Erwerbstätigen in einem Nicht-Normal-Arbeitsverhältnis. Mit allen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Folgekosten, die wir derzeit erahnen. Soll dieses alte, auf Bismarck zurück zu führende Postulat unser Leitziel für das 21. Jahrhundert bleiben?

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema:

Welche Rolle soll darin die Schule spielen? Und wie wollen wir auf das 3-gliedrige Schulsystem blicken, das wir Humboldt zu verdanken haben, der dies im 19. Jahrhundert als Idealbild entwarf?

  • Sehen wir GYMNASIEN weiterhin als Ausbildungsstätte für die kreativen Wissensarbeiter_innen, die gesellschaftliche Innovationen entwickeln helfen sollen? Derzeit sind ca. 30% unserer Jobs in dieser Rubrik einzuordnen.
  • Sind die REALSCHULEN weiterhin dafür zuständig, zuverlässige Angestellte zu produzieren, die Weisungen solide abarbeiten? Wieviele brauchen wir davon noch, wenn Roboter zusehends die Routinejobs übernehmen?
  • Und sind schließlich die HAUPTSCHULEN weiter dafür zuständig, einfache Arbeiter_innen zu produzieren, die die Arbeiten übernehmen, die keine an der Person haftende Spezialkenntnisse erfordern (das sind derzeit 20% der Jobs)?

“Das heutige dreigliedrige deutsche Bildungssystem, war damals schon integraler Bestandteil der preußischen konservativen Revolution von oben, mit der die Elitenherrschaft Preußens nicht nur vor den Anfechtungen der Französischen Revolution gerettet, sondern gefestigt und gestärkt wurde. Noch heute erfüllt dieses System perfekt diese Legitimation einer weitgehenden Elitenselbstreproduktion.”

siehe Humboldtgesellschaft


Die Anrufung von Humboldt verklärt das Bildungsverständnis ungemein.

Natürlich soll jeder einzelne Mensch die gleichen Chancen haben, sich einen zukünftigen Platz in der Gesellschaft zu erobern.

Mehr als Ideologie ist daraus allerdings nie geworden: Wir sehen gerade in Deutschland, wie bereits die soziale Herkunft darüber entscheidet, welche Startbedingungen ein junger Mensch hat.

Bildungsmobilität im Vergleich

Wollen wir das auch in Zukunft so handhaben?

Wollen wir dieses Schulsystem so beibehalten in der Gewissheit, dass sich die soziale Härten zukünftig noch gravierender auswirken werden und wir all die Talente verschleudern, die Menschen theoretisch hätten ausprägen können, wenn sie nicht von Beginn an in dieses Verwahrsystem eingeschleust worden wären?

Mit Lehrer_innen, die oftmals überfordert sind, die einfachsten Technologien in ihren Unterricht zu integrieren?! Geschweige denn einen zeitgemäßen Unterricht durchzuführen vermögen.

Ich möchte dies niemandem persönlich anlasten – es gibt sicherlich viele verschiedene Gründe dafür. Besonders bei denjenigen, die den Lehrer_innen-Beruf primär unter Absicherungsgesichtspunkten gewählt haben und aufgrund der ganzen Reformwellen kurz vor’m Burnout stehen.

"38 Prozent aller Lehrer an Gymnasien sagen, dass sie keine digitalen Schulbücher kennen." (siehe GEO: Digital macht schlau!)

Aber da versagt das gesamte Bildungssystem offensichtlich bereits in den Grundlagen.

Wenn die Ausbilder_innen schon nicht zeitgemäß arbeiten, wie soll erst die nächste Generation das Potenzial heben, das uns die technologische Entwicklung THEORETISCH bietet?

Ist es damit getan, nach engagierten Lehrenden zu rufen angesichts eines Arbeitsmarktes, der mehr als 50% in prekären Arbeitsverhältnissen hält?

Ich denke, wir haben als Gesellschaft schon die Wahl, die Zukunft politisch zu gestalten. Man muss es halt umfassend WOLLEN. Und dann auch konsequent GESTALTEN. Statt immer mehr Zeit auf SYMBOLPOLITIK zu verwenden.

4. Privatschulen mit modernen Ansätzen als Prototypen

Und so ziehen sämtliche Eltern, die das kalte, auf Leistungen fokussierte Bildungssystem auch in den Gymnasien für nicht mehr zumutbar halten für ihre Kids, diese aus dem öffentlich-rechtlichen System ab und versuchen sie in einer der neuen Privatschulen unterzubringen. Wer kann es ihnen auch verdenken?

In den Privatschulen treffen innovationsgetriebene Lehrer_innen mit Kindern innovationsgetriebener Eltern aufeinander – und eröffnen diesen damit wenigstens einen Spalt Hoffnung auf ein Leben im Sinne Humboldts.

Möglichst in der 1. Liga der kreativen Wissensarbeiter_innen, die an den Schaltstellen der Macht ihren Intellekt einsetzen und damit die Welt von morgen aktiv mit gestalten können.

Zurück bleiben die anderen, deren Eltern das Thema nicht überblicken oder kein Geld haben oder keinen Zugang finden zu den Möglichkeiten, die ihnen vielleicht offen stünden.

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

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Man kann für diese Kinder nur noch hoffen, entweder durch Glück in einer der wenigen, fortschrittlichen, öffentlichen Schulen gelandet zu sein, oder in ihrer weiteren Entwicklung in ein anderes, kreatives, innovatives Umfeld durch Zufälle hinein zu finden, um sich über diesen Weg einen selbstbestimmten Weg zu suchen.

Könnten hier moderne Lern-Methoden unter Zuhilfenahme aller sozio-technologischen und -kulturellen Potenziale in der Breite helfen? Ich denke: JA! Und zwar gilt es dies zu LERNEN:

Aggregate --> Remix --> Repurpose --> Feed Forward
(c) FrolleinFlow | ununi.TV

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Moderne, attraktive Methoden könnten durchaus Wege aufzeigen, welche Optionen man als Mensch zukünftig hat, sich weiterzuentwickeln. Die Heranwachsenden vorzubereiten für die instabile Welt da draussen und sie damit resilienter zu entlassen.

Aber dieses Spektrum müsste ja auch die Lehrkörperschaft erst einmal kennen – UND LEBEN. Doch viele fühlen sich dazu nicht in der Lage …

“Wenn Technologie einerseits als intelligentes Instrument zur Unterstützung individueller Lernprozesse gesehen wird, und andererseits das kollaborative Lernen den Austausch zwischen verschiedenen Individuen fördert, dann gibt es mehrere Möglichkeiten, um die Potenziale in jedem Schüler zu wecken.”

Siehe den OECD-Bericht

5. Weiterbildung der Lehrenden an Schulen und Hochschulen

Nun sagen viele: Die Lehrenden müssten entsprechend modern aus- oder weitergebildet werden. Sozusagen in eine Abfolge mehrerer Updates geraten, die sie auf ein neues Niveau hievt.

Das Problem also auch hier, ist weitgehend bekannt – und rein kognitiv haben das sehr viele bereits verstanden. Derweil: Es fehlt an Innovationslust – zumindest hier in Deutschland.

Die Verharrungstendenzen sind einfach zu stark, als dass sie einfach zu überwinden wären.

Da werden Datenschutz, Trennung Privatleben und Öffentlichkeit, Urheberrechte etc. pp. herbei zitiert, um Gründe anzuführen, die gegen eine neue Kultur sprächen.

Derweil: Es sind alte Werte, die beim Individuum ansetzen!

Die neue Kultur hingegen baut auf Vergesellschaftung auf, auf dem vernetzten Kollektiv, der kollaborativen Transformation.

Nur wenn wir den Esprit verschiedener Menschen aus möglichst unterschiedlichen Kontexten zusammen bringen, kann etwas Neues, etwas Kreatives, Innovatives entstehen. Es geht nicht mehr um die Genialität des Einzelnen – es geht um das Momentum des dynamischen Netzwerks.

Dieser Wertewandel ist natürlich gewaltig für die meisten Personengruppen.

Unser Verständnis von Kunst, Kultur, Helden baut auf dem Individuum auf. Auch bei dem Beruf der Lehrenden wird traditionell ein bestimmter Personentypus angezogen, der sehr stark auf dem EGO aufbaut.

Entsprechend sind die Lehrkonzepte mitsamt ihres theoretischen Fundus und ihrer Methoden traditionell auf die EGO-Person fokussiert. Das pflanzt sich von der Ausbildung über die Bildung bis hin zur Weiterbildung fort.

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

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Und so befremdlich es wirkt, wenn v.a. Hochschul-Lehrende, die sich selbst zur “Elite” des Landes zählen, sich vehement dem sozio-technologischen wie -kulturellen Wandel verweigern:

Hier muss angesetzt werden!

Es kann nicht sein, dass wir als Gesellschaft uns einen Beamtenstaat leisten, der sich der Innovation nahezu komplett verweigert.

Der sich nicht einzubringen vermag in eine zeitgemäße Diskussion der Potenziale. Und nicht die Möglichkeiten nutzt, die seit Jahren bekannt und seit Jahren von einigen wenigen erfolgreich eingesetzt werden.

In dieser Ignoranz liegt ein wesentlicher Faktor, warum es hier nicht weitergeht.

Mit bornierter Arroganz lässt sich eben nur noch ein Blumentopf von anderen Bornierten gewinnen! Aber nicht im Sinne einer gesellschaftlichen Transformation.

So unangenehm dies jetzt für viele klingt:

Ich vermute, hier wäre der Knackpunkt, an dem man ansetzen müsste, wollte man etwas Fundamentales am gesamten Bildungssystem ändern:

Es sind die falschen Personen an den entscheidenden Positionen!

Da helfen weder Adaptive Learning noch MOOCs, die die Lernenden algorithmisch an die Hand nehmen und zum gewünschten Ziel führen. Also an den EGO-Personen vorbei.

Ich glaube nicht daran, über solch ein radikal technologisch geführtes System selbstbestimmte, empathiefähige Menschen mit einem starken Charakter auszubilden.

Die Menschen an den Schaltstellen der Macht benötigen eine kollektive Persönlichkeit, der man als Gesellschaft insgesamt vertrauen kann.

Eben nicht nur Klientel-Politik zu betreiben oder zugunsten des eigenen Portemonnaies zu entscheiden, sondern mit viel Verantwortungsbewusstsein für die gesamtgesellschaftlichen Folgen allüberall. Nur so können sie als Vorbilder dienen.

Wie aber könnte man solch einen Wertewandel provozieren?

6. Weiterbildung der Multiplikator_innen in den Bildungseinrichtungen

Indem man sich ins Netz hinein begibt – logisch. Sich dort austauscht im internationalen Verbund – und auch mal über die peer reviewed Zeitschriften und Bücher mit Fallbeispielen aus den vergangenen 5 Jahren hinweg schaut.

Den Blick hebt – auch für Entwicklungen fernab der konventionellen (Irr-)Wege. Ein größeres Bild einfängt, was sich an verschiedenen Stellen tut.

By Peeragogia (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

By Peeragogia (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Nun wären einzelne Lehrende vielleicht derzeit überfordert, hier jedes Detail zu erfassen.

Deshalb haben Bildungseinrichtungen ihre eigenen Silos aufgebaut, um IHRE oder auch andere Leute auf dem Stand zu halten. Aber sind deren Mitarbeiter_innen auf dem aktuellsten Stand der Entwicklungen? Ist dies ein Kriterium der Drittmittel-Vergabe?

Ich fürchte eher nicht. Alte Bildungsabschlüsse zählen weiterhin mehr als aktuelle ERFAHRUNGEN. Das ist also eines der zentralen bildungspolitischen Probleme, die wir derzeit konstatieren müssen:

Die Abteilungen, die sehr viele Fördermittel erhalten, um entsprechend des alten Wasserfall-Modells die Innovationen in den Bildungseinrichtungen bekannt zu machen, sind größtenteils selbst nicht auf dem Stand.

So nüchtern muss man das mal festhalten. Das liegt daran, dass aktuelles Netz-Knowhow nicht top down fliesst, sondern sich bottom-up generiert. Dazu muss man REIN in die Netzwerke. Und da sind nur wenige vertreten.

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

Hinzu kommt: Den Common Sense, den die Silos weiterreichen, ist maximal redundant, denn nahezu JEDE Bildungseinrichtung gibt Fortbildungen zu Blogs, Wikis, Twitter etc. pp. – meist in PRÄSENZ.

Es ist ja nicht so, als ob MOOCs und sonstige moderne Methoden nicht seit Jahren bekannt wären und auch propagiert würden, um weitere Fördermittel einzuwerben.

Wo es tatsächlich mal SINN machen würde, wäre eine explizit gute, multimedial aufgepimmte, zentrale, exemplarische Fortbildung für sämtliche Lehrenden als PFLICHTVERANSTALTUNG!

Da bräuchte es nur noch sehr kleine, kompetente Dienstleistungsabteilungen PRO STADT. Das könnte man alles deutlich schlanker, zeitgemäßer, moderner aufsetzen.

Warum geschieht das nicht?

Ich vermute, weil zu viele VETO-PLAYER mit Stimmrechten sehr gut von dem System profitieren. Sie MACHT, GELD, AUSSTATTUNG, LEGITIMATION etc. daraus gewinnen. Anders lässt es sich nicht erklären.

Theoretical model for explaining changing education policy making (Leuze et al. 2008, S.19)

Theoretical model for explaining changing education policy making (Leuze et al. 2008, S.19)

Und so sitzen wir also alle hier, geben JEDE MENGE GELD aus für Förderprojekte, die kaum etwas voranbringen und im Grunde nahezu jede Innovation blockieren.

Das ist ein hausgemachtes Problem, woran man durchaus schrauben könnte. So man denn ernsthaft ins 21. Jahrhundert aktiv einsteigen wollte.

7. Welche Elite führt dieses Land?

Damit sind wir an dem zentralen Punkt angelangt, nämlich der Educational Governance, auf die verschiedene Lobby-Gruppen einwirken. Nur wenn wir uns maximal nüchtern und sachlich damit beschäftigen, welche Einflussfaktoren auf unsere Bildungspolitik einwirken, nur dann werden wir etwas à la Bildung 4.0 bewegen können.

Die zentrale Frage heute ist: Wo wollen wir gesamtgesellschaftlich hin?

Unser altes “Erfolgsmodell” in Deutschland oder Europa hat ausgesorgt – auch wenn wir es hier am wenigsten spüren. Wir benötigen eine neue gesamtgesellschaftliche VISION. Was wollen wir erreichen? Außer Wohlstand für alle – möglichst ohne Verlierer_innen.

Gut, darüber liesse sich jetzt sicherlich Jahrhunderte lang diskutieren:

Derweil könnten wir mit ersten bildungspolitischen Maßnahmen starten, damit die so genannte Elite in den Chefetagen und Institutionen wenigstens übergangsweise ermächtigt sind, die Potenziale überhaupt denken zu können.

Und dazu müssen auch sie sich zu uns hinab gesellen – ins Netz.

Wir wären schon da und warten: You are welcome!

Fazit: Was bedeutet dies für KMU?

Gerade wenn man mit wenigen Mitarbeiter_innen sich am Markt innovativ behaupten will, kommt es wesentlich darauf an, die Kompetenzen der Einzelnen im kollektiven Verbund zu heben. Wer hier auf Mitarbeiter_innen setzen kann, die es gelernt haben, sich agil und vernetzt zu bewegen, ist deutlich im Vorteil.

Als Leitlinie für die Weiterentwicklung des Unternehmens ist zu empfehlen, sich den Weg der Innovation zu vergegenwärtigen – sowohl intern als auch in der vernetzten Außenwirkung.

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

(c) FrolleinFlow | ununi.TV

Wer auf solch kompetente Mitarbeiter_innen zugreifen kann, befindet sich bereits inmitten seiner Kunden, Partner und auch zukünftigen Mitarbeiter_innen.

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Vermutlich werden die Mitarbeiter_innen diese Kompetenz nicht über das formale Bildungssystem sich erworben haben, sondern auf informellem Wege. Ich selbst achte darauf, ob sich mein persönliches Netzwerk darin wie ein Fisch im Wasser bewegt.

Nur dann wird man durch Zufall auf Entwicklungen stossen, die man sich nicht selbst ausdenken konnte. Und erst dann erlebt man die kollektive Intelligenz im besten Sinne.

The End.


*Für alle, die mit dem klassischen Bildungsvokabular oben nichts anfangen konnten:

Exkurs Humboldt und “die deutsche Bildung”:

Wilhelm von Humboldt haben wir unser 3-gliedriges Schulsystem zu verdanken (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) und ein Verständnis von Hochschulen, das ursprünglich jungen Männern (!) ermöglichen sollte, sich im Studium erst einmal selbst frei und möglichst breit zu entfalten, statt gleich in die interessensgeleitete Wirtschaft einzusteigen. Diese Ausbildung sollte bessere Persönlichkeiten mit einem größeren Weitblick produzieren helfen. Aus diesem Grund wird mit deutscher Bildung auch eher Persönlichkeitsbildung verstanden, die auch die schönen Künste, Naturwissenschaften und politische Wissenschaften umfasst. Wirtschaft ist bis heute in Deutschland negativ konnotiert – es lenkt einen ab vom “eigentlichen” Menschsein.

Exkurs protestantische Ethik:

Max Weber zeigte in seinen Forschungen auf, wie sich der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, in den westlichen Kulturen deshalb so erfolgreich ausbreitete, weil im Protestantismus angelegt sei, dass sich Gott durch die Arbeit des Einzelnen ausdrückt. Insofern man selbst seine Talente zugunsten der Gesellschaft maximal nutzt, führt man ein Gottes ehrfürchtiges Leben. Dieses drückt sich dann zum einen im finanziellen Erfolg aus und zum anderen in Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Zuverlässigkeit etc.

ÜberAnja C. Wagner

denkerin, netzwerkerin, mensch | .edu .ux .politik | co-founder of @frolleinflow & initiatorin @ununitv | weitere infos hier: http://acwagner.info

2 Kommentare zu 7 Baustellen in der Bildung 4.0. Ein Statusbericht auch für KMU.

  1. Spannend – Bildung und Lernen – im Idealfall Lebenslang und auch auf der Ebene der Organisation sind wohl die wichtigsten langfristigen Themen die wir als Gesellschaft und damit u.a. auch jedes Unternehmen treiben MÜSSEN.
    Meine Ansichten dazu durfte ich auch schon mal für einen Gastartikel formulieren. Wen’s interessiert: http://vision.haufe.de/blog/arbeiten-im-jahr-2025-gemeinsam-lernen-lernen-wird-zur-kernkompetenz/ und auch auch für einen Vortrag auf Folien bannen…..
    http://de.slideshare.net/diggibo01/lernen-alleine-reicht-nicht-mehr

  2. Danke. Ich stimme grundsätzlich zu: Die Arbeits- und Lernumgebung sollte grundsätzlich nicht mehr getrennt wahrgenommen werden. Und individuelle Netzkompetenz und institutionelle wie gesellschaftliche Netzwerk-Kompetenzen ergänzen und bedingen sich wechselseitig. Wenn jedeR bei sich im Umfeld anfängt, wäre ein erster Schritt getan – weitere werden sich dynamisch ergeben …

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